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„In alle Ewigkeiten Arbeiten produzieren“

24/06/2011

Mit >JUNGE MÜTTER UND ANDERE HEIKLE FRAGEN< widmet das Essl Museum dem internationalen Shooting Star Tobias Rehberger von 29. Juni bis 25. September 2011 eine Einzelausstellung. Rehberger präsentiert einen Raum voller Skulpturen und Installationen. Unter den teilweise ganz neuen Arbeiten befinden sich auch mehrere „Mütter“, Skulpturen, die mittels eines Zertifikats von jedem nachgebaut werden können und danach in das Werkverzeichnis des Künstlers übergehen. Wir haben dem Künstler beim Aufbau fünf Fragen zu seinen Werken und seiner Arbeitsweise gestellt.

Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Kunst und Design?

Tobias Rehberger  Foto: Manfredo Pinzauti

Tobias Rehberger Foto: Manfredo Pinzauti

Die Grenze liegt eigentlich darin, wie man etwas ankuckt. Ich glaube nicht, dass Kunst deswegen Kunst ist, weil irgendwie in ihrem Inneren etwas steckt, das sie zur Kunst macht. Es gibt auch nichts, was Design zu Design macht. Ich denke das ist Anschauungssache. Man kuckt etwas unter bestimmten Kriterien an und schaut dann, ob diese Kriterien auf eine interessante Art und Weise erfüllt oder übererfüllt sind. Ich kann natürlich einen Stuhl genauso als Skulptur ankucken wie ich eine Rodin-Skulptur oder eine Serra-Arbeit unter Umständen auch als Sitzbank betrachten kann. Und die Frage ist, unter welchen Kriterienkatalogen ein Objekt oder eine Performance mehr Qualitäten entwickeln kann, aber es gibt nichts, was eine Kunst an sich zur Kunst macht und es gibt auch nichts, was eine Flasche an sich zur Flasche macht, sondern nur weil wir sie so ankucken und so benützen, ist sie das auch.

Wie arbeiten sie? Woher bekommen sie die Ideen für ihre Skulpturen?

Ich arbeite möglichst wenig und deswegen kriege ich die Ideen für meine Skulpturen.

Ihre Skulpturenserie „Mütter“ ermächtigt den Betrachter aktiv zu werden. Wie kam Ihnen die Idee zu dieser Serie? Wie viele Söhne und Töchter gibt es schon? Und hat sie manches Ergebnis überrascht?

Wie ich da draufgekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich habe ja schon viele Arbeiten gemacht, bei denen andere Personen absichtlich Einfluss auf meine eigene Arbeit gekriegt haben, weil ich so an die Entität des Künstlers eigentlich nicht glaube. Für mich hat der Künstler eher die Funktion von so einer Art Durchlauferhitzer oder Katalysator. Ich denke nicht, dass man selbst wahnsinnig viel Kontrolle über die eigentliche Arbeit hat. Ich halte das eigentlich eher für ein Missverständnis und deswegen kam ich dann auf diese Idee. Außerdem interessieren mich Fragen wie „Was ist ein Modell?“ und „Was ist eine Repräsentation von etwas?“ oder „Inwieweit ist was, was eine Repräsentation von was anderem ist auch was für sich selbst?“ und so weiter.

Zertifikat Tobias Rehberger, Muster, Wabenregal

Zertifikat Tobias Rehberger, Muster, Wabenregal

Wie viel Töchter und Söhne es gibt weiß ich nicht genau. Es ist aber auch so, dass die meisten Arbeiten, die ich bis jetzt in der Richtung gemacht habe, relativ komplizierte oder auch relativ große Objekte waren und deswegen ist noch nicht so wahnsinnig viel passiert. Es waren bis jetzt nämlich meistens Häuser oder Garagen und erst vor Kurzem hab ich angefangen auch kleinere Objekte aus diesem Konzept heraus zu entwickeln. Es gibt jemanden in Portugal, der ein Haus auf einer Klippe bauen will, was aus einer Arbeit von mir resultiert, weil er dort eigentlich kein Haus bauen darf, eine Skulptur allerdings schon. Er hat sich das zunutze gemacht, will eine Skulptur von mir als Vorlage, weil er dann eben sagen kann, dass ist ein Kunstwerk und kein Haus.

Zertifikat Tobias Rehberger, Muster, Hundehütte

Zertifikat Tobias Rehberger, Muster, Hundehütte

Das Tolle ist, dass ich durch diese Methode Arbeiten machen kann, wenn ich schon lange tot bin, das Werkverzeichnis eigentlich in alle Ewigkeit, solang es die Zertifikate irgendwo gibt, erweitert wird. Wenn in zweihundert Jahren im Essl Museum vielleicht immer noch diese Zertifikate rumliegen und jemand eines kauft, wird es immer noch Arbeiten von mir geben, ohne dass ich da bin. Diese Idee von Fortpflanzung ist da schon so drin, wie das eigentlich auch sonst funktioniert, dass man sozusagen die Gene weitergibt und man dadurch überlebt, obwohl man  schon lang als Gesamtheit nicht mehr existiert. Und so kann ich eigentlich in alle Ewigkeiten Arbeiten produzieren.

Sie gestalten immer wieder Cafés, Büros und Räume des öffentlichen Lebens. Was reizt sie daran?

Also gestalten tu ich eigentlich gar nichts. Ich mache Skulpturen, die dann auch Cafés sind, oder Skulpturen die dann auch Brücken sind. Hier handelt es sich wieder um diese bereits angesprochene Perspektiven-Frage: Was ist was und unter welchen Umständen?
Ich mache diese Sachen natürlich nur aus meinem Interesse für künstlerische Fragen: Was ist Skulptur? Warum ist was Skulptur? Wie kann man drüber nachdenken? Wie kann man drüber reden? Mit was kann man es vergleichen?

Wenn ich jetzt ein Café machen würde als Café, dann würde ich andere Kriterien anlegen und es vermutlich ganz anders machen als jetzt. Was mich aber immer interessiert, ist, dass dieser Perspektivenwechsel überhaupt möglich ist oder sagen wir einmal erleichtert, dass er  offensichtlich wird. Das etwas dies und jenes sein kann.
Eine Frage, die mich immer beschäftigt ist jene danach, was es heißt, dass und ab wann etwas funktional ist und warum. Hat es was damit zu tun, dass man etwas benützen kann oder gibt’s da auch Funktionalitäten, die mit Benutzung überhaupt nichts zu tun haben. Ist das immer willentlich? Deshalb gibt es diese, wie ich sie nenne, behinderten Skulpturen, die ja auch in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind. Ihre Funktionalität ist eigentlich nur, dass sie eine Dysfunktion haben, dass etwas an ihnen stört, was normalerweise nicht bei Kunstwerken vorkommt. Dass sozusagen das Nichtfunktionieren in einer bestimmten Art und Weise plötzlich zum Funktionieren wird.

Tobias Rehberger Was Du liebst, bringt Dich auch zum weinen, 2009 Caffeteria Biennale di Venezia, Palazzo delle Esposizioni, Venedig  © Tobias Rehberger, 2009 courtesy neugerriemschneider, Berlin

Tobias Rehberger Was Du liebst, bringt Dich auch zum weinen, 2009 Caffeteria Biennale di Venezia, Palazzo delle Esposizioni, Venedig © Tobias Rehberger, 2009 courtesy neugerriemschneider, Berlin

Natürlich höre ich es immer wieder, weil es so am einfachsten zu denken ist „Sie haben ja die Cafeteria der Biennale gestaltet“. Hab ich überhaupt nicht gemacht, hat mich überhaupt nicht interessiert. Ich hab eine Arbeit gemacht, die, um diese Skulptur zu sein, die ich haben wollte, funktionalen Zusammenhang benötigt hat. Im Fall der Cafeteria: man geht dort hin, nicht um ein Kunstwerk zu sehen, sondern um Kaffee zu trinken, das ist für das Kunstwerk wiederum sehr wichtig, und deshalb hab ich das in einem funktionalem Zusammenhang gemacht. Es hätte auch eine Tankstelle, ein Supermarkt, ein Büro, irgendwas sein können. Aber ich hab auf gar keinen Fall irgendeine Cafeteria gestaltet. Das ist nicht mein Job, das interessiert mich auch überhaupt nicht.

Im Essl Museum hat vor ihnen Heimo Zobernig im Großen Saal ausgestellt. Gibt es für Sie Parallelen zwischen ihnen und Zobernig?

Das einzige was ich sagen kann, ist, dass ich Heimos Arbeit sehr schätze und ganz toll finde und mir die sehr gefällt und ich sie gut finde. Ob das schon eine Parallele ist, weiß ich nicht. Ich bin froh, dass es Heimos Arbeit gibt.

Zur Ausstellung: Tobias Rehberger, Junge Mütter und andere heikle Fragen, 2011

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