Liebe auf den zweiten Blick
Der Sammler Karlheinz Essl über die Ausstellung >ANSELM KIEFER< und seinen ganz persönlichen Zugang zum Werk des bedeutenden deutschen Künstlers
Es ist wohl „Liebe auf den zweiten Blick“, die meine Beziehung zum Werk von Anselm Kiefer am treffendsten bezeichnen würde.
Viel früher schon hatte meine Frau das vielschichtige Œuvre des Künstlers ins Herz geschlossen. Später, aber umso heftiger trat dann meine Begeisterung hinzu, die in der Folge durch signifikante Ankäufe von Arbeiten der letzten zehn Jahre ihren Ausdruck fand.
In besonders lebhafter Erinnerung ist mir der Besuch bei dem Künstler in seinem Atelier im südfranzösischen Städtchen Barjac. Der Besuch war lange vorbereitet und wurde vom Galeristen Thaddaeus Ropac begleitet.
Es war im November des Jahres 2003. Vom Flughafen Marseille aus fuhren meine Frau und ich mit einem Mietauto durch die hügelige provenzalische Landschaft, vorbei an kleinen romantischen Städtchen bis nach Barjac, wo Anselm Kiefer Anfang der 1990er-Jahre sein Atelier eingerichtet hatte. Dort arbeitete er und lebte er gemeinsam mit seiner Frau und den beiden Kindern, die damals ein und drei Jahre alt waren.
Der Arbeitsbereich von Anselm Kiefer sprengte jedes Vorstellungsvermögen. Es war dies nicht ein Atelier im herkömmlichen Sinn, sondern ein riesiges Anwesen, dessen Herzstück eine stillgelegte Weberei aus dem späten 18. Jahrhundert war. Der Künstler hatte hier ständige Zu- und Neubauten errichtet, die als Werkstätten, Ateliers oder Ausstellungshallen für Objekte dienten. Das gesamte Areal war mit Containern, Lagern von alten Eisenteilen, Lkws und Rohrgerüsten etc. übersät. Einer der Autokräne hatte eine Tragkraft von 120 Tonnen.
Besonders beeindruckten mich die Lager- und Ausstellungshallen von riesiger Dimension, die von oben mit Tageslicht belichtet wurden. Hier lagerten Kiefers großdimensionale Kunstobjekte, auf fahrbare Untergestelle montiert, um sie mühelos bewegen zu können.
Bei unserem Besuch in Barjac bot sich die einzigartige Gelegenheit, den Künstler und sein Werk besser kennenzulernen. Ich war schwer beeindruckt, und mein Wunsch, aus diesem Fundus eine wichtige Arbeit für unsere Sammlung zu erwerben, steigerte sich zur fixen Idee.
Im Leben eines Sammlers sind solche Gelegenheiten, sich besondere Werke aussuchen zu dürfen, beglückende Momente.
Gemeinsam mit dem Künstler entschieden wir uns für eine Arbeit, die eigentlich als Installation zu bezeichnen ist. Sie umfasst zwei Teile, nämlich ein Bild mit dem Titel „Horlogium“ (Öl, Emulsion, Acryl mit Gipspflanzen auf Leinwand, 2003) mit einer Größe von 280 mal 500 Zentimetern und dazu eine Skulptur, die aus einem Stapel von Bleibüchern besteht (Gewicht 3.000 Kilogramm). Das Ensemble erhielt vom Künstler die Bezeichnung „Sternenfall“; da die Bleiskulptur mit einer großen Anzahl von Glasblättchen übersät wurde, die astronomische Nummern tragen, wie sie zur Katalogisierung der Sterne des Alls verwendet werden.
Dieses wunderbare Ensemble bildete den Ausgangspunkt einer Sammlung, die sich in den darauffolgenden Jahren noch erweitern sollte.
Anselm Kiefer hat Barjac inzwischen verlassen und seinen Lebens- und Schaffensmittelpunkt nach Paris verlegt. Ich hatte die Gelegenheit, den Künstler 2011 in seinem neuen Wirkungsbereich zu besuchen und war von der Dimension der Pariser Kunstwerkstätten aufs Neue überwältigt. In einer 30.000 Quadratmeter großen ehemaligen Lagerhalle, die mit Laufkränen und schwerem Hebegerät ausgestattet ist, befinden sich Werkstätten, in denen die unterschiedlichsten Teile für die Produktion der kieferschen Kunstprojekte hergestellt werden. Der Künstler, mit Fahrrad und Funkgerät ausgerüstet, ist allgegenwärtig, erteilt Anweisungen und überwacht den Fortgang der Produktion bis ins kleinste Detail.
In den letzten Jahren war es mir möglich, 15 Arbeiten aus verschiedenen Werkphasen der letzten zehn Jahre zu erwerben. Die Bedeutung dieser Werkgruppe verlangt geradezu nach einer gesamtheitlichen Präsentation, die mit dieser Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Es ist mir eine große Freude, dass diese Ausstellung nunmehr zustande gekommen ist und die Zustimmung des Künstlers gefunden hat. Ich habe diese Präsentation selbst kuratiert. Dabei war es mir ein Anliegen, die Arbeiten so zu platzieren, dass jedem Werk der nötige Freiraum zugestanden wird und spannende Dialoge zwischen den Arbeiten entstehen. Darüber hinaus galt es, auch die Architektur und die Raumfolge der Galerien zu beachten. Für die Besucher soll dadurch ein spannender Parcours durch die Abfolge von Arbeiten geschaffen werden, um die Kraft, Ausstrahlung und Spiritualität der Werke spür- und erlebbar zu machen.
Ich wünsche mir, dass möglichst viele Besucher und Besucherinnen sich vom Werk dieses bedeutenden Künstlers faszinieren und inspirieren lassen.
Karlheinz Essl
Die Ausstellung >ANSELM KIEFER< ist bis 29. Mai im Essl Museum zu sehen.
Der vorliegende Text ist vollständig im Ausstellungskatalog >ANSELM KIEFER – Werke aus der Sammlung Essl< abgedruckt. Der 136 Seiten starke Katalog mit zahlreichen Abbildungen enthält Texte von Karlheinz Essl, Andreas Hoffer, Mela Maresch, Günther Oberhollenzer, Wieland Schmied und Anna Szöke. Der Katalog ist im Bookshop des Essl Museums und im Buchhandel erhältlich.
Emotion und Reflexion: Teil 4
Kunstgespräche im Essl Museum mit ehrenamtlichen Mitarbeitern von Hospiz-Einrichtungen der Caritas und trauernden Angehörigen anlässlich der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<
Begleitet von Mela Maresch und Andreas Hoffer
Zum Nachlesen: Emotion und Reflexion: Teil 1 und Teil 2 und Teil 3
4.Teil der Reihe „Emotion und Reflexion“
Reflexion zu „Hans Bischoffshausen – Champ d’energie en dissolution, 1960″
Gedanke: Zerbrechlich, Trauer, Hoffnung

Hans Bischoffshausen: Champ d'energie en dissolution, 1960 © VBK, Wien, 2011 Fotonachweis: Photoatelier Laut, Wien
Besucherin: Es war für mich sehr frappant, das Erlebnis mit diesem Bild. Ich habe vorher die Wörter aufgeschrieben: zerbrechlich, Trauer, Hoffnung, dass das alles eins ist, zusammengehört und in sich verbunden ist. Das hat etwas mit einer Sterbebegleitung zu tun, mit einer Frau, ein paar Jahre jünger als ich. Ich habe sie einmal gefragt, was sie an diesem Nachmittag machen möchte. Es war ein sehr warmer Februartag. Und da hat sie gesagt, sie würde noch gerne in den Park gehen. Und wir sind dann auf der Parkbank gesessen, es war ein sonniger Tag und es war ganz still, es gab noch keine Frühlingsblumen. Und sie hat den Kopf nach oben gehalten, ein zartes, zerbrechliches Geschöpf mit halblangen blonden Haaren, und ich habe sie nur im Profil gesehen. Das Gefühl war einfach, dass sie ins Licht schaut, aber schon dort ist und in das andere Licht schaut, wie wenn sie durch die Sonne durchschaut. Und sie ist wenige Tage danach verstorben. Und an diesem Bild hat mich eigentlich dieses doppelte Licht frappiert und auch dieses Zerbrechliche, das ich mit dieser zarten Frauengestalt verbunden habe. Und dass das alles eins ist, die reale Sonne, dieses Gegenständliche mit dem dahinterliegenden abstrakten Bild. So habe ich das für mich einfach empfunden. Etwas sehr Zartes und auch sehr Starkes.
Mit dieser Frau war das auch so. Sie hatte immer so viel Hoffnung. Sie hat auch immer so viel Schönes ausgestrahlt. Obwohl das Vergängliche schon gleich hinter der Türe war…also so dieses wirklich gehen müssen, das war eine ganz scharfe Geschichte. Also auch die Nähe zwischen schön und vergänglich.
Besucherin: Ich finde die Bilder von Hans Bischoffshausen ganz beeindruckend, weil sie so einfach sind und so viel Raum und Weite geben.
Reflexion zu “Wolfgang Herzig – Fily, 1975″
Gedanke: Alles Leben ist Schön. Alles Leben ist Vergänglich.
Andreas Hoffer: Bei mir war es so, dass ich eher von der Geschichte dieses Bildes berührt war. Ich habe geschrieben: Alles Leben ist schön. Alles Leben ist vergänglich. Ohne Vergänglichkeit gibt es keine Schönheit – was etwas vermessen ist, aber wo letztendlich doch ein bisschen Wahrheit drinnen ist, denke ich.
Letztendlich habe ich die Fily gewählt, weil ich die Geschichte, die Wolfgang Herzig von ihr erzählt hat, so berührend fand. Wenn man ihren Körper anschaut und ihr Gesicht, ist sie sicher nicht im klassischen Sinne schön zu nennen. Sie hat sich aber so schön gemacht. Sie war ein Modell für Maler und Wolfgang Herzig hat sie in der Akademie kennengelernt, wo sie Akt gestanden ist. Sie ist dann auch zu ihm ins Atelier gekommen und hat ihm ihre Geschichte erzählt.
Als junges Mädchen wollte sie aus dem gut behüteten Elternhaus ausbrechen, der Vater war Arzt, und sie ist Tänzerin geworden im Moulin Rouge in Wien. Das war eigentlich nichts Zweideutiges, dort hat sie Tanzvorführungen gemacht. Und sie hat – als sie bei ihm Modell gestanden hat – ein Sackerl dabei gehabt, wo ihre ganzen Erinnerungen an ihre Tanzzeit drinnen waren, die schon lange vorbei war. Die ganzen Fotos, wie sie aufgetreten ist im Moulin Rouge. Sie ist immer dem Glück nachgelaufen und dann wohl auch einem Mann nachgereist, der ihr viel versprochen hat, und Wolfgang Herzig hat sie nie wieder gesehen. Sie hat aber dieses Sackerl mit der Erinnerung an ihre beste Zeit bei ihm stehen lassen.
1975 hat er dieses Bild gemalt, da war sie schon verschollen, und er hat sich gedacht, er muss dieses Bild malen, er muss dieser Frau, die sonst nirgendwo eine Erinnerung hinterlässt – die Fotos sind ja bei ihm geblieben – ein Denkmal setzen. Er möchte, dass diese Frau, die ein Leben geführt hat, das so schillernd schien, aber letztendlich so unglücklich war, irgendwo ein Bild hinterlässt. Er hat nie wieder von ihr gehört.
Wenn man die Fily sitzen sieht auf dem Bild, sieht man das alt gewordene, ausgemergelte Gesicht und den Körper, ich sehe aber auch diese große Sehnsucht, schön zu sein, das fand ich sehr berührend. Jemand von Ihnen hat bei einem anderen Kunstwerk gesagt, diese alte Frau behängt sich stark mit Schmuck, weil sie auch noch schön sein will. Die Junge hat nichts, die ist einfach jung.
Und ein bisschen ist es bei der Fily auch so, sie hat noch diese Tolle und diese Schleife im Haar und diesen Fächer und dieses seltsame Tuch da unten, aber sie sitzt auch schon ein bisschen gebückt. Sie trägt die Spuren der Vergänglichkeit auf jeden Fall schon an sich. Und irgendwie finde ich gerade das so schön, dass der Herzig das nicht versteckt und ihr trotzdem so viel Respekt entgegenbringt und ihr diesen Raum gibt. Ich habe kurz überlegt, ob ich das Bild mit Frida Kahlo nehmen soll, aber Mela und ich haben dann beide gesagt, die Frida Kahlo hat schon so viel Aufmerksamkeit bekommen, die Fily hat es vielleicht ein bisschen mehr verdient.
Reflexion zu “Hubert Scheibl: Khamsin, 1992-1995″
Gedanke: Baum im Pötzleinsdorfer Park

Hubert Scheibl: Khamsin, 1992-1995 © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Graphisches Atelier Neumann, Wien
Mela Maresch: An diesem Wochenende war ich im Pötzleinsdorfer Park, da gibt es Riesenbäume, die sind denkmalgeschützt, zwei am Weg. Da habe ich mich hineingesetzt in einen und habe raufgeschaut, und es war unglaublich: es sind Mammutbäume. Da kam mir plötzlich die Idee, dass dieser Baum noch da sein wird, wenn ich nicht mehr da bin. Das hat mich ganz still und ganz ruhig gemacht.
Von den Bildern war es für mich klar, dass es dieses ist. Andreas hat mir gesagt, auch das wird noch da sein, wenn Du nicht mehr da bist, ich hoffe, dass unsere Restauratorin das hinkriegt, die dann vielleicht auch schon nicht mehr da ist, aber vielleicht ihre Nachfolgerin. Kunst möchte ja gerne ein paar Jahrhunderte überleben. Ich hoffe sehr, dass das Bild das tun wird. Das Bild macht einfach so viel Raum auf. Für mich ist es auch die Stimmung von dem Tag, als ich in diesem Baum saß, denn es war nach dem Regen, eine Stimmung nach Regen, so wässrig. Und deswegen passt es für mich gut zu dieser Überlegung, was alles noch da sein wird, wenn ich dann schon weg bin. Oder was vielleicht auch noch da ist, wenn ich wieder komme. Wenn es so etwas wie eine Wiedergeburt gibt, dieser Baum wird noch da sein. Der wartet, der steht schon hundert Jahre dort.
Jetzt fällt mir spontan ein dazu, dass wir Aboriginal Art gezeigt haben, und die Aborigines haben ursprünglich nur Höhlenbilder gemacht, Handabdrücke auf den Höhlenwänden mit der Idee, dass, wenn sie wiederkommen, sie quasi dort wieder andocken können. Ich finde die Vorstellung beruhigend, dass alles eigentlich bleibt. Wir sind die, die kommen und gehen. Wir. Der Rest auf der Erde bleibt, die ganze Zeit.
Andreas Hoffer: Ja, aber auch der beste Mammutbaum darf auch einmal altersschwach werden und wird dann auch vergehen.
Mela Maresch: Ja, sicher, wenn ein Blitz einschlägt…
Andreas Hoffer: Die Sicherheit hast du nicht.
Mela Maresch: Nein, nicht einmal die Sicherheit habe ich. Nicht einmal die.
Die Werke von Hans Bischoffshausen und Hubert Scheibl sind noch bis 8.1.2012 in der Ausstellung >FOCUS: ABSTRAKTION< im Essl Museum zu sehen.
Texte von jungen Autoren und Autorinnen zum Thema >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT< sind im Kunst-Lesebuch zur Ausstellung erschienen.
Silvia Köpf und Johanna Langfelder im Gespräch mit René Block, Vorsitz der Jury des ESSL ART AWARD CEE
Essl Museum: Seit 2004, also seit der ersten Preisverleihung, sind Sie Vorsitz der internationalen Jury des ESSL ART AWARD CEE. Was war damals wie heute Ihre Motivation, bei diesem Projekt mitzumachen? Was unterscheidet diesen Preis von anderen Kunstpreisen?
René Block: Durch die Ausstellung „In den Schluchten des Balkan“, 2003 in der Kunsthalle Fridericianum und die Cetinje Biennale im Jahr 2004, waren mir Aspekte der künstlerischen Entwicklung in einigen der besuchten Länder vertraut. Der ESSL ART AWARD bot eine Möglichkeit, diese Erfahrungen zu vertiefen und gleichzeitig auch zu erweitern, indem er der Jury die Aufgabe übertrug, sich mit den jüngsten Gliedern der künstlerischen Szenen zu beschäftigen. Mit jungen Menschen, die sich für eine künstlerische Laufbahn entschieden haben und ihrerseits durch die mit dem Award verbundenen Ausstellungen erste Erfahrungen sammeln können.
Was diesen Preis von anderen unterscheidet ist, neben dem großzügigen Preisgeld, vor allem die Ernsthaftigkeit und Professionalität, mit der er durchgeführt wird. Im Laufe vieler Jahre habe ich an vielen Jurysitzungen teilgenommen. In der Regel gibt es dann Dias von Werken zu betrachten, oder es liegen von Künstlern eingereichte Mappen auf den Tischen. Man muss also anhand von Fotos und anderem Sekundärmaterial entscheiden. Nicht so bei diesem Preis, wo an jedem der Orte Ausstellungen mit Arbeiten von zehn in einer Vorauswahl bestimmten Bewerbern, den Finalisten, eingerichtet werden. Die Jury diskutiert und entscheidet vor den ausgestellten Bildern, Objekten, Skulpturen, Installationen oder Film- und Videoarbeiten. Dies verdeutlicht in meinen Augen den Respekt der Preisstifter vor Kunst im Allgemeinen und dem sich entfaltenden Künstlernachwuchs im Besonderen; ist allein dieser Prozess doch schon mit hohem organisatorischem und finanziellem Aufwand verbunden.
EM: Im Moment scheint, nicht nur in Wien, ein wichtiger Schwerpunkt auf der Kunst der sogenannten CEE Länder zu liegen, es wird viel gefördert und es gibt verschiedene Projekte, die ihren Fokus auf diese Länder gerichtet haben (z.B. „Viennafair“). Wieso gilt auch Ihr Interesse gerade den künstlerischen Entwicklungen in diesen Ländern? Wie nachhaltig ist Ihrer Meinung nach diese Entwicklung für die Künstler aus diesen Ländern, oder handelt es sich eher um einen kurzlebigen Trend?
RB: Wir Westeuropäer haben da einiges nachzuholen. Wir haben uns in den vergangenen Jahrzehnten fast ausschließlich mit unserer Westkunst beschäftigt. Gerade die documenta in Kassel steht hier als Beispiel für, ich möchte es einmal eine Arroganz nennen, die den transatlantischen Diskurs kultiviert hat und den Rest der Welt, abgesehen von einigen wenigen Alibipositionen, ignoriert hat. Diese Haltung musste nach dem Fall der „Mauer“ in Berlin und den damit verbundenen politischen Verschiebungen und gesellschaftlichen Veränderungen korrigiert werden. Und so haben wir, wenn auch verzögert durch den kriegerischen Balkankonflikt der frühen 90er Jahre, einige uns zum Teil völlig unbekannte künstlerische Positionen entdecken können und zugleich einen radikalen Aufbruch der jüngeren Künstlergeneration dieser Länder.
EM: Was sind Ihrer Meinung nach die (längerfristigen) Auswirkungen und Ziele des ESSL ART AWARDS?
RB: Mir scheint der Award in einigen der Städte und Länder bereits zu einem wichtigen Teil des kulturellen Lebens geworden zu sein. Der Rhythmus von zwei Jahren entspricht dem einer Biennale. Und so wie einige Biennalen durch diese Regelmäßigkeit das Entstehen von künstlerischen Szenen, ich denke da zum Beispiel an Istanbul oder Sydney, befruchten und beeinflussen konnten, so wird auch dieser Award langfristig die künstlerische Entwicklung in den beteiligten Ländern fördern. Die Preisvergabe, die Zeremonie und die Ausstellung, sind ein Ereignis für die beteiligten Künstler und das akademische Umfeld. Diese Erfahrung mit einer professionellen Betreuung bei den Präsentationen in den eigenen Ländern wird für die Preisträger vertieft in der Ausstellung aller Preisträger im Essl Museum in Klosterneuburg. Für viele bedeutet dies die erste Begegnung auf internationaler Ebene und damit weitere Erfahrungen. Denn der Austausch von Erfahrungen ist immer noch unterentwickelt innerhalb der CEE Länder. Da herrscht noch „the lack of communication“.
EM: Die Jury Gruppe besteht neben Ihnen und zwei Stimmen des Essl Museums aus je einem Vertreter der beteiligten Länder. Wie bewerten Sie diese Zusammenstellung bzw. glauben Sie, dass es zu anderen Urteilen kommen würde, wenn die Jury Mitglieder nicht direkt aus diesen Ländern kämen?
RB: Die Besetzung der Jury mit Mitgliedern aus den Ländern hat sich bewährt. Angesichts der unterschiedlichen kulturellen Traditionen der verschiedenen Länder waren die ortspezifischen Erläuterungen durch die mit den lokalen Besonderheiten vertrauten Juroren stets hilfreich. Auch konnte sich der lokale Juror schon im Vorfeld bei der Organisation engagieren, den jungen Künstlern hilfreich bei der Auswahl und beim Aufbau zur Seite stehen und uns dadurch wiederum entsprechende Informationen zur Arbeit und zur Person vermitteln. Die Diskussionen der Jury werden durch dieses Wissen oft entscheidend mitgeprägt.
EM: Wie haben Sie die diesjährige, für Sie vierte, ESSL ART AWARD Jury-Reise empfunden? Welche Tendenzen und Entwicklungen sehen Sie in den Kunstszenen der unterschiedlichen Länder?
RB: Es gibt eine vorherrschende Tendenz weg vom gemalten Bild. Leinwand, Keilrahmen, Grundierung und dann erst malen… das scheint ein Anachronismus in unserer Zeit der schnellen Kommunikationsmedien zu sein. Denn ehe die Ölfarbe getrocknet ist, könnte die politische Botschaft nicht mehr relevant sein. Andererseits ist es gerade verständlich, dass die in Zentral- und Osteuropa heranwachsenden Generationen radikal mit dem alten Lehrstoff der Akademien brechen wollen und nach neuen Formen suchen, sich auszudrücken. Gerade diesen Umbruch an der Basis, an den Akademien, mitverfolgen zu können, macht die Ergebnisse des ESSL ART AWARD auch für uns (Westeuropäer) so fesselnd.
Das ungekürzte Interview mit Renè Block ist im Ausstellungskatalog zum >ESSL ART AWARD CEE 2011< nachzulesen. Die Ausstellung mit Werken von 18 jungen Künstlern und Künstlerinnen aus Slowenien, der Slowakei, Tschechien, Ungarn, Kroatien, Rumänien und erstmals auch Bulgarien ist von 7. Dezember 2011 bis Mitte Februar 2012 im Essl Museum zu sehen.
Emotion und Reflexion: Teil 3
Kunstgespräche im Essl Museum mit ehrenamtlichen Mitarbeitern von Hospiz-Einrichtungen der Caritas und trauernden Angehörigen anlässlich der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<
Begleitet von Mela Maresch und Andreas Hoffer
Zum Nachlesen: Emotion und Reflexion: Teil 1 und Teil 2
3.Teil der Reihe „Emotion und Reflexion“
Reflexion zu “Wolfgang Herzig – Zyklus “Verlierender Sohn”, erstes Bild”
Gedanke: Lust am Leben und Erwartung des Todes…

Wolfgang Herzig: Aus dem Zyklus „Der Verlierende Sohn“, Glückstrug, 1990-1991 © Wolfgang Herzig, Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien (Leihgabe)
Besucherin: Für mich ist der Titel schon frappierend, der „Verlierende Sohn“ ist sehr ungewöhnlich, man kennt den verlorenen Sohn, aber der verlierende Sohn ist sehr bezeichnend auch für eine Lebenssituation. Ja, für mich war dieses Bild… ich hab das deswegen gewählt, weil diese Ambivalenz „Schönheit und Vergänglichkeit“ durch diese Brüchigkeit sehr stark herausgekommen ist. Diese versetzten Gestalten und Gesichter, wo ich mir eben gedacht habe, es rennt so wenig im Leben wirklich in einer geraden Linie. Es gibt immer wieder Ecken und Kanten. Meine Assoziationen zu „Schönheit und Vergänglichkeit“ waren Lust am Leben und Erwartung des Todes, Fülle des Lebens und Versagen oder Natur, Schönheit und Katastrophe. Das sind so diese Gegensatzpaare. Und es war Familie. Ich habe ein bisschen eine sonderbare Familie mit Tier als Kindersatz vielleicht. Es ist mehr die Vergänglichkeit oder Brüchigkeit im Leben als dieses „Alles ist da“.
Reflexion zu “Wolfgang Herzig – Zyklus “Verlierender Sohn”, erstes Bild”
Gedanke: Schönheit
Besucher: Ich habe mir Gedanken gemacht über die Schönheit und Vergänglichkeit und habe geschrieben: Schönheit. Wichtig und nicht so wichtig. Wir glauben, die Schönheit ist so wichtig, das mag wohl stimmen, aber wenn man an die Vergänglichkeit denkt, dann ist die Schönheit gar nicht so wichtig. Äußerlichkeiten gehen in der Schönheit nicht so tief, aber in der Vergänglichkeit sehr tief, finde ich. Man kann sich an der Schönheit erfreuen, die Vergänglichkeit ist schmerzhaft. Dann bin ich hier durchgegangen und habe dieses Bild gesehen, und dann habe ich das Leben so verschwommen gesehen. Es passt nicht immer alles ganz genau so zusammen, wie wir das oft haben wollen. Wenn man das ein bisschen verrückt – und da entsteht schon das Wort ver-rückt – wir müssen es ein bisschen verrücken, um nicht verrückt zu sein, dann passt es wieder. Und das hat mir so gut gefallen an diesem Bild. Und dann bin ich ein bisschen weiter gegangen – im anderen Raum ist ein Bild „Knotenpunkt“ und das hat mir auch gut gefallen. Es ist aber das Konträre, dort ist alles geradlinig und schön und genau. Und dann habe ich mich doch für dieses Bild entschieden, weil es mehr so ist, wie das Leben auch ist. Man kann viel mehr herausholen.
Besucherin: Mir ist das zu düster. Mir ist das zu wenig lebendig, es spricht mich nicht an.
Reflexion zu “Bernard Frieze – Gasp”

Bernard Frize: Gasp, 2002 © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: courtesy Galerie Patrick Painter Inc., USA
Besucherin: Ich habe mir bereits, bevor ich das Bild gesehen habe, die Frage gestellt, ob Schönheit wirklich vergänglich ist oder einfach nur veränderbar. Und was sie dann gesagt haben über den alten Bootsanstrich, der dann abblättert – ich kann darin auch Schönheit entdecken. Und genauso drückt das für mich das Bild aus. Es ist ein Vorhang, der aufgeht. Dahinter steht das, was nachher kommt, und das ist im Prinzip viel schöner als das, was davor kommt. Eine Tür geht zu und die andere öffnet sich. Ich sehe das nicht so deprimierend, sondern einfach als Veränderung und man kann jedem etwas Schönes abgewinnen.
Reflexion zu “Bernard Frieze – Gasp”
Besucherin: Ich habe mir Gedanken gemacht über das Schöne und Vergängliche und ich habe für mich so das Gefühl, dass es wichtig ist, dass das Schöne auch vergänglich ist. Wenn das Schöne nicht vergänglich wäre, dann würden wir es vielleicht gar nicht mehr wahrnehmen. Was man als schön empfindet, das ist natürlich von Mensch zu Mensch verschieden. Und ich glaube, ich schätze das Schöne umso mehr, weil ich weiß, dass es vergänglich ist. Ich denke da vor allem an meinen Garten, der ja sehr vergänglich ist. Also ich gehe jeden Tag hinaus und schaue jede einzelne Rose an, die aufgeht, um das nicht zu versäumen. Und bin dann auch ganz unglücklich, wenn ich drei Tage nicht in meinem Garten sein kann, weil wir weggefahren sind. Und wenn wir zurückkommen, ist schon wieder so viel vergangen.
Und dieses Bild hat mich… also ich bin sehr schnell fertig gewesen. Ich bin durchgegangen und wollte mich entscheiden, bin aber dann sofort… Ist es ein Vorhang, der aufgeht, einer der zufällt? Das hat das genauso getroffen wie das Ende, der Mensch ist ja Vergänglichkeit. Wir wissen ja nichts, wir denken ja nur, dass wir etwas wissen. Aber ich habe so das Gefühl, egal ob der Vorhang jetzt zufällt, dann ist das schön, wenn er jetzt aufgeht, ist es im Prinzip noch schöner. Ich glaube auch unser Leben ist so, wenn wir glauben, der Vorhang geht zu, dass er vielleicht für etwas Nächstes offen ist. Also ich glaube nicht, dass das Ende, wenn unser Ende da ist, dass das Ende ist. Ich kann es mir so nicht vorstellen. Und das hat das Bild total gut ausgedrückt. Ich habe mich dann gefreut, wie ich das auf dem Zetterl gesehen habe, ich habe gar nicht gewusst, dass das so das Sujet für die Ausstellung ist. Ja, das hat mich sehr, sehr angesprochen.
An Schönheit muss man sich auch gewöhnen. Es gibt viel Hässliches, das auch schön ist. Das Alte, das Geschichte hat. Wir sind jetzt gerade auf der Suche nach einem neuen Haus, aber ich kann mich nicht an ein neues Haus gewöhnen. Ich suche ein altes Haus, das eine Geschichte hat, um die Schönheit auch herauszufinden. Das sind meine Gedanken dazu.
Andreas Hoffer: Wenn man das Bild aufnimmt: das Haus, das Geschichte hat. Da sind sicher auch schon Menschen gestorben drin, da war sehr viel Trauriges. Aber dadurch, dass man das mitbekommt, dass es eine Geschichte hat, bekommt es immer auch einen Charakter. Und es kommt ja dann auch immer wieder etwas Neues. Hier ist es ja sehr gleichmäßig. Das, was dahinterliegt, ist eigentlich sehr ähnlich zu dem, was vorne liegt, da ist eigentlich nicht viel Unterschied.
Besucher: Wie heißt dieses Bild? Wie hat der Künstler es genannt?
Mela Maresch: Es heißt „Gasp“.
Andreas Hoffer: Wobei ich würde dem Titel nicht zuviel Bedeutung beimessen. Weil der Künstler macht eigentlich immer ganz abstrakte Bilder, die sehr offen sind.
Mela Maresch: Ich glaube, dass er sich auch mehr mit Farbe und ihrer Stofflichkeit auseinandersetzt. Und das gar nicht so viel darüber hinaus drinnen ist von seiner Seite.
Besucherin: Mir gefällt das an diesen Bildern so. Zu bekommen, was man selber spürt. Jeder, der es betrachtet. Das, was gerade ansteht, die Gefühle, die da sind, kann man da rausholen aus abstrakten Bildern.
Reflexion zu “Gunter Damisch – Dunkles Weltenfeld IV”
Gedanke: Sonne, Licht und Harmonie

Gunter Damisch: Dunkles Weltenfeld, 1988 © Sammlung Essl Privatstiftung, Fotonachweis: Franz Schachinger, Wien
Besucherin: Für mich stellt das Bild das Universum dar, in seiner Gesamtheit. Hell und Dunkel, und dass wir nicht alleine hier sind, sondern, dass es noch so viele andere Lichtpunkte gibt. Und dass uns das Licht, das Helle, erst bewusst wird, je dunkler der Hintergrund ist, umso mehr nehmen wir dann das Licht wahr. Und das Universum als Ganzes, als Basis unseres Lebens.
Reflexion zu “Gunter Damisch – Dunkles Weltenfeld IV”
Gedanke: Lied: “Schön sind die Blumen, schön sind die Menschen in der frischen Jugendzeit…”
Besucherin: Ich habe auf dem Zettel den ersten Gedanken, der mir zum Thema Schönheit und Vergänglichkeit gekommen ist, aufgeschrieben: Ein Kinderlied aus meiner frühen Kindheit, das ich eigentlich wegschieben wollte, weil ich jetzt ganz anders zu dem Text stehe als damals. Das war so: Schön sind die Blumen, schön sind die Menschen in der frischen Jugendzeit, sie müssen sterben, müssen verderben, Jesus, du bleibst in Ewigkeit. Eine wunderschöne Melodie dazu, und das hat mich als Kind auch fasziniert. Ich habe mir schöne junge Menschen vorgestellt und Blüten, wenn sie in voller Blüte stehen und wie sie dann schrumpelig werden, wenn sie dann älter werden.
Das Bild ist das Universum für mich. Die Vergänglichkeit… so wie auch der Text seine Bedeutung für mich verloren hat, verlieren auch die Werte ihre Bedeutung. Und die Gegenwart, das sind ein paar kleine Lichtpunkte, das, was vor uns liegt, ist alles noch im Dunkeln, und hinter uns die Zeit ist wie ein Wimpernschlag, und das zeigt das Bild auch so. Diese schönen hellen Formen und viel Unbekanntes. Auch nichts festzuhalten, viel ändert sich ja auch im Leben.
Besucherin: Es sieht zwischendurch richtig samtig aus, muss ich sagen.
Andreas Hoffer: Dieses Bild bietet auch sehr viel an.
Besucherin: Ich finde aber eigentlich dieses Kirchenlied interessant. Irgendwie hat es auch etwas.
Besucherin: Als Kind hat mich auch diese harte Ausdrucksweise „wir müssen sterben, müssen verderben“ fasziniert. Die Melodie ist ganz sanft, sehr schön.
Besucher: Ich finde dieses Bild… Es hat eine ganz andere Wirkung wenn man davor sitzt als wenn man daran vorbeigeht. Es hat eine faszinierende Wirkung, wenn man sitzt.
Andreas Hoffer: Können Sie das beschreiben?
Besucher: Es ist nicht bedrückend, es ist erleuchtend. Warum zieht dieser helle Punkt so viele an? Da kann man ein bisschen phantasieren!
Besucherin: Das hat es für mich wieder überhaupt nicht. Etwas zum Anhalten, zum Festhalten, das hat es für mich gar nicht. Wenn ich Bilder aus dem Weltraum sehe, dann habe ich das Gefühl, die sind harmonisch. Und die sind irgendwie rund, so ins Weite. Bei dem Bild habe ich das Gefühl, wenn das der Weltraum ist, dann kann jeden Augenblick etwas passieren. Das ist so unharmonisch, das sind auch die Lichtpunkte, die haben alle so einen Schweif, als würden sie sich irgendwo hin verzischen. Und es wirkt für mich nicht beruhigend und harmonisch. Man hat das Gefühl, in jedem Eck lauert etwas, was hervorzischen könnte, oder es könnte gleich etwas explodieren. Es ist so unkoordiniert, da ist ein Haufen, da ist ein komischer Haufen. Auf mich wirkt es nicht beruhigend. Obwohl ein reales Bild vom Weltraum sehr wohl harmonisch und ruhig auf mich wirkt. Aber das ist sehr spektakulär irgendwie.
Besucherin: Ich finde, das bekommt in der Mitte hin ein Schwarzes Loch, da ist so ein Sog, wo man mitfliegt.
Besucherin: Ja, es zieht. Also bedrohlich finde ich es nicht, aber es saugt irgendwie, es ist nicht wirklich was zum Festhalten.
Besucherin: Es ist nicht beruhigend, es kann sich immer was tun.
Besucherin: Man kann sich selber vorstellen, dass man im All schwebt, wenn man nicht ein genaues Bild hat, was danach passiert. So als Klang oder als heller Fleck mitzischt irgendwie. Es ist vollkommen neutral. Es ist natürlich nicht mehr das Menschliche, Fleischliche, aber man zischt irgendwo mit.
Andreas Hoffer: Ja, das ist eine schöne Vorstellung.
Besucherin: Ja, das ist auch irgendwie meine Vorstellung von Tod, dass es da eine Energie gibt, die so wie ein Klang das Instrument verlässt, oder das Licht, und dann aber irgendwie aufgeht im großen Ganzen. Also für eine kurze Zeit dann noch individuell ist und sich dann auflöst.
Besucherin: Ich bin vorher einfach an dem Bild vorbeigegangen. Ich schaue es jetzt erst wirklich an, obwohl es so dominant ist. Aber diese Dunkelheit hat mich total kalt gelassen.
Besucherin: Ich merke jetzt, je länger wir da sitzen, umso bunter wird das Bild.
Die Werke “Bernard Frize – Gasp” und “Gunter Damisch – Dunkles Weltenfeld” sind noch bis 8.1.2012 in der Ausstellung >FOCUS: ABSTRAKTION< im Essl Museum zu sehen.
Emotion und Reflexion: Teil 2
Kunstgespräche im Essl Museum mit ehrenamtlichen Mitarbeitern von Hospiz-Einrichtungen der Caritas und trauernden Angehörigen anlässlich der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<
Begleitet von Mela Maresch und Andreas Hoffer
Zum Nachlesen: Emotion und Reflexion: Teil 1
2.Teil der Reihe “Emotion und Reflexion”
Reflexion zu “Franz Ringel - Spanier, 1981″
Gedanke: Farben
Besucher: Ich bin zuerst durch die Räume gegangen und dort war alles in gedämpften Farben. Knallige Farben gab es in den ganzen Räumen nicht, in den Aquarellen und so. Für mich ist Farbe eigentlich das Sinnbild der Vergänglichkeit. Wenn ich einen Gartenzaun streiche, das vergeht. Die Farbe ist das Erste, was verloren geht. Beim Autolack, egal wo. Und je kräftiger die Farben – ich habe gerne kräftige Farben – umso schneller ist der Prozess. Im Freien ist die Farbe das Erste, was verloren geht, das Mauerwerk hält länger, die Farbe stellt die Vergänglichkeit symbolisch am ehesten für mich dar. Auch in der Natur. Die Farbe schwindet mit der Vergänglichkeit, die Blüten fallen herunter und haben eine andere Farbe.
Andreas Hoffer: Das hat auch eine Verbindung zu dem, was Sie gemalt haben.
Besucher: Ja, in der Farbe ist die Vergänglichkeit am ehesten sichtbar. Und daher hat mich dieses Bild angesprochen, gar nicht von den beiden Köpfen, sondern von den intensiven Farben her. Alle anderen Bilder, da sind die Farben eher im gedämpften Bereich. Auch vom Hintergrund, alle eher in Pergamentfarben. Und das hat auch einen kräftigen Hintergrund und das Grün zu dem Rot sticht heraus. Wie gesagt, ich fotografiere sehr viel. Die digitale Fotografie gibt die Möglichkeit, die Bilder nachzubearbeiten. Da fahre ich meistens hinein mit dem Schattenentferner, um die Farben irgendwo kräftiger nachzuzeichnen. Es ist sehr interessant, wie sich die Bilder dann auch verändern. So kann ich auch meine Farbvorstellungen unterbringen, ohne dass sich die Darstellung verändert. Und das war mein Zugang: Farbe und Vergänglichkeit ist für mich eins. Die Farbe ist das Erste, was in der Vergangenheit ist, die verblasst… bei allem.
Reflexion zu “Markus Lüpertz – Der Baumstamm, 1966″
Gedanke: Schönheit ist Vergänglichkeit
Besucher: Die Aufgabenstellung war „Schönheit und Vergänglichkeit“, und ich habe mir das gleich ausgebessert und gesagt: Schönheit ist Vergänglichkeit. Ich sagte: Ich finde kein Bild, ich suche ein Bild von der Natur. Und da ist es, das war die Entscheidung.
Andreas Hoffer: Natur als Symbol für beides?
Besucher: Ja, der Baum ist Natur. Und wenn der Baum stirbt, dann sterben die Menschen.
Andreas Hoffer: Ich habe öfter mal an einen Sarg gedacht, als ich das gesehen habe. Das war so eine Assoziation, die war plötzlich einmal da. Da sieht man Dinge in Bildern und dann gehen sie auch nicht wieder weg. Gleichzeitig ist ein Baum natürlich ein Symbol für Schönheit und Vitalität.
Besucherin: Aber nicht wenn der Stamm so liegt. Der ist ja schon „vergangen“. Ein Baum ist wunderschön, wenn er steht, wenn man hinaufschauen kann, in das Blätterdach. Aber so ist es ja nur noch Holz.
Besucherin: Aber Holz ist doch auch schön?
Besucherin: Also ich finde es ganz furchtbar, wenn ich Holztransporte sehe. Ganze LKWs voll mit schönen großen Bäumen. Ich könnte weinen, ich finde, das sind lauter Leichen. So schöne Bäume, dass man die umschlägt, ist für mich bösartig. Und dann vielleicht Hackschnitzel daraus macht.
Besucherin: Aber aus Holz kann auch Verschiedenes errichtet werden?
Besucherin: Ja, natürlich. Und das wird dann jahrelang geehrt und geliebt. Aber ich habe bei so etwas eher die negative Besetzung. Leider.
Reflexion zu “Wolfgang Herzig – Medusa, 1969″
Karte: Schönheit und Vergänglichkeit
Besucherin: „Schönheit und Vergänglichkeit“, dazu ist mir eingefallen, dass das unterm Strich, wenn man es begriffen hat, die Essenz des Lebens ist. Und dieses „Schönheit und Vergänglichkeit“ ist immer auch ein bisschen auf der Suche nach irgendetwas, nach verschiedenen Gründen. Das Bild hat mich sofort angesprochen, als wir hineingegangen sind, weil es auf den ersten Blick aussieht wie eine Tarotkarte. Und diese vielen Widersprüche, diese Vermischungen, die eine Tarotkarte hat, man kann das total vielseitig auslegen. Es hat gleichzeitig etwas Abschreckendes und etwas Unschuldiges. Durch diesen Körper, der einerseits stark Sexualität signalisiert und andererseits auch wieder kindlich wirkt. Das mischt sich total, das Weiß mit dem Unschuldigen und gleichzeitig so ein unbehaarter, kindlicher Körper und diese Schlangen aus dem Kopf, die eine Urweiblichkeit signalisieren und gleichzeitig auch etwas Teufelhaftes, mit diesen anderen Symbolen dazu. Gleichzeitig dieses Alltägliche Mit-Springschnur-Springen und dabei diese Fingernägelkrallen. Alles widerspricht sich irgendwie, mit diesem Kind, Erwachsenen, Diabolischem und gleichzeitig Unschuldigem, das ist für mich faszinierend. Das Gesicht ist erschreckend und dahinter ist doch auch irgendwie ein Kindergesicht. Das Ganze in einem Badezimmer, wo man sich verstecken kann, wenn man will, hinter dem Vorhang oder auch nicht. Also alles ist so…alles auch…
Andreas Hoffer: Es ist sehr stark ambivalent. Es ist beides da. Aber es ist sehr interessant, das habe ich noch nie so wahrgenommen.
Mela Maresch: Ja, es ist auch ein bisschen dieses Medusa-Thema darin. Aber das finde ich jetzt eigentlich gar nicht so wichtig in der Figur, im Kopf schon, ja, aber sonst nicht.
Andreas Hoffer: Es ist ganz klar, sie ist nackt, man sieht das Sexualorgan und trotzdem hat es etwas sehr Kindliches, etwas Unförmiges, Weiches.
Mela Maresch: …das Springschnur-Springen ist ja auch etwas sehr Kindliches.
Besucherin: Sie sieht aus wie eine Kleopatra von der Frisur her. Oder wie eine Schamanin oder wie eine Hexe mit glühenden Augen. Da sind so viele Frauenfiguren darin versteckt.
Besucherin: Auf mich wirkt dieser Kopf sowieso wie eines dieser Bilder, wo man sich dahinterstellt und praktisch ein anderer Mensch ist. Mir kommt das so vor wie eine Maske, und dahinter steht ein ganz anderer Mensch. Auch dieses Geschlechtsteil sieht aus wie ein Fresswerkzeug, und die Springschnur wie ein Lasso, mit dem man jemanden einfangen kann.
Emotion und Reflexion: Teil 1
EMOTION UND REFLEXION:
Kunstgespräche im Essl Museum mit ehrenamtlichen Mitarbeitern von Hospiz-Einrichtungen der Caritas und trauernden Angehörigen anlässlich der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<
Begleitet von Mela Maresch und Andreas Hoffer
Es gibt kein Glück ohne Wissen. Aber das Wissen vom Glück bringt Unglück; denn sich glücklich wissen heißt wissen, das Glück Zeit ist und dass Zeit unweigerlich vergeht.
Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe
Die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo schlief mit einem Totenkopf in ihrem Bett. Die Gewissheit um die Präsenz des Todes war für sie die Chance, sich dem Leben täglich neu zu stellen. Zoran Mušič, der noch in hohem Alter malte, lässt seine Gestalten schon fast dem Bild entschwinden. Antonio Tàpies ritzt in seine Materialbilder aus Erde, Teer und Sand Zeichen und Wörter ein – „Ni pur, ni impur“ (nicht rein, nicht unrein) – und stilisiert so den Kreislauf von Leben und Sterben. Zeitgenössische Kunst thematisiert auf vielfältige Weise Schönheit und Vergänglichkeit, Zerstörung und Neubeginn.
Das Essl Museum kooperiert schon seit Jahren eng mit der Caritas und stellt Workshops und Museumsbesuche für unterschiedlichste Gruppen wie Flüchtlinge, Menschen in Notsituationen, Menschen mit Beeinträchtigungen und junge Obdachlose kostenlos zur Verfügung. Das Thema der Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT< schien uns interessant als Gesprächsgrundlage für Workshops.
In den Workshops, die im Frühjahr 2011 stattgefunden haben, gingen wir, ausgehend von der Kunst als Inspiration, der Frage nach der Schönheit und der Vergänglichkeit des alltäglichen Lebens nach. Der persönliche Zugang zum Thema wurde ausgelotet und beim Malen zum Ausdruck gebracht. Kunstgespräche vor Originalen und das Malen im Atelier lösten einander ab und boten Raum für die ganz persönliche, augenblickliche Positionierung. Der Austausch mit der Gruppe bot eine zusätzliche Möglichkeit eigene Sichtweisen zu erweitern.
Alle, die teilnahmen, schrieben nach einer Vorstellungsrunde spontan ihre Gedanken zu Schönheit und Vergänglichkeit auf eine Karte. Im Anschluss suchten sie sich ein Werk in den laufenden Ausstellungen aus, das für sie in einer Beziehung zu ihren Gedanken stand. Vor den Werken brachten die Teilnehmenden ihre Gedanken, ihre persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen in Verbindung zu den Kunstwerken.
In den nächsten Wochen können Sie regelmäßig Auszüge aus diesen Gesprächen in der Reihe “Emotion und Reflexion” auf unserem Blog lesen.
Reflexionen zu “Martha Jungwirth – Ich bin im Garten”
Gedanke: Schönheit bewegt und berührt

Martha Jungwirth, Ich bin im Garten, 1992, Foto: Mischa Nawrata, Wien © Sammlung Essl Privatstiftung
Besucherin: Meine Kinder, wie sie klein waren, hatten eine Arbeitsplatte, da haben sie alles machen dürfen, das war ihre Bastelstelle. Und alles, was so danebengegangen ist, ist so irrsinnig schön geworden. Und ich habe mir gedacht, das ist ja irgendwie auch ein Bild fürs Leben. Aus allem, was nicht unbedingt Absicht ist, kann etwas Neues, etwas Schönes entstehen. Und diese Vergänglichkeit – also meine Kinder sind schon erwachsen – es bewegt mich immer noch sehr tief, wenn ich die Kindersachen sehe. Vergänglichkeit. Und auch die Schönheit der Lebensphasen, also jede Phase für sich. Und durch meine Hospizarbeit ist mir Schönheit viel bewegender geworden. Einfach auch manchmal bis… dass Schönheit auch fast wehtun kann. Das ist mir durch meine Arbeit jetzt so richtig bewusst. Eben weil sie auch vergänglich ist, das macht genau diese Intensität aus.
Gedanke: Alles im Leben ist vergänglich
Besucherin: Das ich geschrieben habe „Alles im Leben ist vergänglich“, hat mit dem Tod meines Mannes zu tun. Er ist am 6. Oktober verstorben, einem total trüben und verregneten Tag. Ich weiß noch, Helen ist gekommen, weil meine Tochter und ich zur Bestattung gefahren sind. Und ich bin raus gegangen. Jeder kennt Hortensien, die blühen im Mai, zum Muttertag um diese Zeit. Und ich gehe raus und es blüht eine wunderschöne, violette Hortensie und seither liebe ich violett sehr. Als ich hier hereingekommen bin, habe ich mir gedacht, ach, das ist die Blume der Hortensien! Ich weiß nicht, wie dieses Bild heißt, ich weiß nicht, ob es mit Blumen etwas zu tun hat, aber für mich ist es eine Hortensie.
Selbst am Tage des Todes meines Mannes habe ich mir gedacht: Es ist nicht alles tot, nur weil mein Mann jetzt tot ist. Mein Mann hat den Garten geliebt und es haben so viele Blumen dann geblüht. Jedes Mal wenn ich zu ihm in die Leichenhalle gekommen bin und ihn besucht habe, habe ich ihm immer wieder Blumen mitgebracht. Als wir dann die Verabschiedung gehabt haben, war mein Mann in ein Blumenmeer gebettet und alles war violett. Darum wusste ich, wenn es jetzt auch noch so traurig ist, irgendwann gibt es wieder Leben. Als ich dann dieses Bild gesehen habe, wusste ich, das wird es!
Reflexion zu “Arnulf Rainer- Zentralisation, 1951″
Gedanke: Schönheit, Reife und Vergänglichkeit
Besucherin: Ich finde Vergänglichkeit auch schön, auch das Verwelkende. Ich empfinde aber Reife als Zyklus, ein reifer Mensch… Ich dachte an den Zyklus, die Natur, die Menschen, dass das viel schöner ist als einfach nur das Wort Schönheit, weil man dann immer erst an das Primäre denkt: zum Beispiel jung und blond. Reife hat aber für mich dazu gehört, es hat gefehlt zwischen den beiden Dingen. Wie ein Höhepunkt, wie das Leben so ist, und dann geht es wieder runter, aber alle Stadien des Lebens sind schön. Und dann habe ich mich auf die Suche gemacht…ich wusste nicht, was mich hier erwartet – diese moderne Art der Kunst – habe ich mich auf die Suche nach Stillleben gemacht, bin um die Ecke gekommen und habe das gesehen, es hat wuuutschh mit mir gemacht und dann dachte ich an Karzinom und Röntgenbild, und wie das Leben von dem Zyklus abweichen kann, so wie ihn sich jeder vorstellt.
Jeder würde gerne wachsen und reifen, das Leben aber geht langsam zu Ende, alles wunderbar und schön. Und dann diese Hiobsbotschaften mit Krankheit, und irgendwie dachte ich, das ist ein Karzinom oder ein schwarzer Fleck beim Lungenröntgenbild. Und jeder wird dann rausgeworfen und es macht wumm mit dir und dein Leben ist ganz anders und man ist nicht mehr in dem schönen Zyklus, den sich jeder erträumt, sondern das Leben nimmt plötzlich eine ganz andere, harte Wendung. Und dann bin ich näher gekommen und habe „Terror“ entziffert. Das war für mich einfach Terror. Und dann habe ich nur entdeckt, dass es nicht Terror heißt. Für mich heißt es „TRR01“, ich weiß nicht, was das heißt. Aber wie ich näher gekommen bin: die ersten Buchstaben waren Terror. Und ich dachte an das Zerstörerische – auch vom Terrorismus – an diese Explosionen in unserem Leben, eine Krankheit oder der plötzliche Tod. Diese Assoziationen hatte ich. Dann habe ich immer noch meine Tulpe gesucht, aber habe nichts gefunden außer dem, das war das einzig beeindruckende Bild, deswegen bin ich da hängen geblieben.
Aber ich weiß nichts über den Künstler…
Andreas Hoffer: Es sieht aus wie TRR, dahinter steht 51, denn 1951 wurde das Bild gemalt. Der Künstler heißt Arnulf Rainer. Wahrscheinlich heißt es TRR51. 1951 wurde auf jeden Fall das Bild gemalt.
Besucher: Und wie heißt das Bild?
Mela Maresch: Das Bild heißt „Zentralisation“. Es ist aus einer Reihe von vielen – also Serie kann man nicht wirklich sagen – aber es gibt einige Arbeiten, die er so gemacht hat wie dieses Bild.
Die beiden ausgewählten Werke waren in der Ausstellung >SCHÖNES KLOSTERNEUBURG – Albert Oehlen kuratiert Werke der Sammlung Essl< bis Mai 2011 im Essl Museum zu sehen.
“Das Ziel des Künstlers ist die Erschaffung des Schönen. Was das Schöne ist, ist eine andere Frage.” James Joyce, Ein Portrait des Künstlers als junger Mann
“Das eigentlich Charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit.” Franz Kafka
Über die Frage, was schön sei lässt sich trefflich diskutieren, aber es wird niemals eine gültige Beantwortung möglich sein. Zu sehr hängt das, was wir unter Schönheit verstehen, von kulturell geprägten Mustern und Traditionen, aber auch von Moden und individuellen Vorlieben ab. Und doch hat es immer wieder Menschen interessiert nach dem Schlüssel für Schönheit zu suchen oder verbindende Normen zu erstellen. Jede auch archaische Kultur hat ihre eigenen Schönheitsvorstellungen entwickelt und heute, in unserer vernetzten Welt, stehen alle diese unterschiedlichen alltags-, sub- und hochkulturellen Schönheitsvorstellungen nebeneinander und sind abrufbar.

MARC QUINN, Alison Lapper (8 months), 2000 © Sammlung Essl Privatstiftung Fotonachweis: courtesy Jay Jopling, White Cube, London
Seit Jahrhunderten reflektieren insbesondere Philosophen und Künstler über den Begriff der Schönheit, der sich in der westlichen Kultur aus der klassischen Antike entwickelt hat und erst im 20. Jahrhundert durch die Beschäftigung mit außereuropäischen Kulturen grundlegend in Frage gestellt wurde. Was ist schön? Radikal stellt der englische Bildhauer Marc Quinn den klassischen europäischen Schönheitsbegriff in Frage, wenn er die Künstlerin Allison Lapper in weißem Marmor und klassischer Haltung porträtiert, eine Frau, die aufgrund einer Krankheit verkürzte Arme und Beine hat. Sind Schönheit und Perfektion gekoppelt, wie es die Rezeption der griechischen Antike vorgibt und die Renaissance als zentrales ästhetisches Diktum wieder aufnimmt? Ist gar Schönheit, Reinheit und Menschlichkeit eine Einheit, wie es der Kunstbegriff des 19. Jahrhundert verdichtete? Auch die Diktaturen des 20. Jahrhunderts reklamierten in ihrer Kunst Schönheit für sich, wenn auch mit gänzlich anderen ideologischen Hintergründen. Und in der heutigen westlich geprägten Konsumwelt scheint Schönheit ausschließlich auf Äußerlichkeit und Jugendkult reduziert zu sein. Gibt es aber auch so etwas wie innere Schönheit, oder eine Schönheit des Vergehenden?
Schon das Wissen um andere Kulturen und ihre Begriffe von Schönheit relativiert die eigenen, europäischen Traditionen. Die Moderne zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat die spätestens seit der Renaissance geltenden Maßstäbe zur Ästhetik in Europa vollkommen revolutioniert und wurde darum gefeiert. Dass vieles davon auf einem genauen Studium von außereuropäischen Kulturen basiert und so wiederum eine postkoloniale Aneignung fremder Schönheitsvorstellungen und Ästhetiken darstellt, schmälert zwar die Leistung der Künstler für die europäische Kunst des 20. Jahrhunderts nicht, relativiert aber deren eigene Erfindung doch sehr. Es zeigt sich auch an diesem Beispiel, dass eine eindeutige Beantwortung der Frage, was schön ist, auch nach allen zukünftigen Diskussionen kaum möglich sein wird.

JÖRG IMMENDORFF, Kampf der Zeit, 2005 © The Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York Fotonachweis: Mischa Nawrata, Wien
Über die Vergänglichkeit hingegen kann nicht einmal diskutiert werden, sie ist Teil, beziehungsweise Abschluss allen Lebens, ob es, er oder sie schön war oder nicht spielt dabei keine Rolle. Kann aber nicht auch ein Moment des Alterns, oder ein beginnender Verfall schön sein? Schließen sich Alter, Vergänglichkeit, Alltäglichkeit und Schönheit aus?
Dass Schönheit und Kunst zusammengehören, ist allgemein akzeptiert, in der zeitgenössischen Kunst allerdings spielt der Begriff Schönheit selten eine Rolle. Spricht man aber mit Museumsbesuchern, so ist im Allgemeinen eine große Sehnsucht nach Schönheit in der Kunst spürbar, wobei auch heute, im 21. Jahrhundert, noch ein im 19. Jahrhundert geprägter bürgerlicher Schönheitsbegriff vorzuherrschen scheint.
Dass aber Kunst und Vergänglichkeit zusammengehören, wird wohl eher in Zweifel gezogen. Das Kunstwerk scheint ja gerade dafür gemacht, der Vergänglichkeit „ein Schnippchen zu schlagen“, für die Ewigkeit geschaffen zu werden, was auch immer man darunter versteht. Zumindest soll es die Lebensdauer der Erschaffer (oder neuerdings der Produzenten) von Kunst überdauern und ihren „Ruhm“ mehren und erhalten. So werden auch die Kunstwerke der Sammlung Essl, die unsere Ausstellung bilden, sorgsam bewahrt und gepflegt, gegebenenfalls restauriert, damit sie noch lange Zeit vor allzu schneller Vergänglichkeit bewahrt werden können.
Künstlerische Positionen, die sich mit existenziellen Fragestellungen beschäftigen, stehen im Zentrum dieser Ausstellung. Die Begriffe Schönheit und Vergänglichkeit haben sich aus der Beschäftigung mit den ausgewählten Kunstwerken entwickelt und wurden so titelgebend für die Schau. Uns geht es dabei nicht um die Postulierung eines Gedankens unter Beweisführung von Kunst. Die Ausstellung sieht sich eher als einen Gedankenraum; als ein Ort, an dem sich aus der kontemplativen Beschäftigung mit den Kunstwerken reflexive Betrachtungen entwickeln mögen, zu grundsätzlichen Fragestellungen, wie der nach der Schönheit, dem eigenen Verhältnis zur Vergänglichkeit und der Sehnsucht, dieser zu entkommen oder zumindest einen Moment einfrieren zu können.
Alle Werke der Ausstellung haben etwas gemeinsam, sie bieten, so divergierend ihre künstlerischen Ansätze und Fragestellungen auch sein mögen, durch ihren ausgeprägten Werkcharakter auch für Betrachter mit wenig kunsttheoretischem Vorwissen vielfältige Ansatzpunkte für eine inhaltliche Betrachtung.
Dieser Text von Andreas Hoffer ist vollständig im Kunst-Lesebuch zur Ausstellung >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT< abgedruckt. Das Kunst-Lesebuch enthält weiters Texte von 17 zeitgenössischen Autoren und Autorinnen sowie ca. 50 Abbildungen auf 304 Seiten. Erhältlich ist das Kunst-Lesebuch im Buchhandel oder im Essl Museum. Info: Kunst-Lesebuch >SCHÖNHEIT UND VERGÄNGLICHKEIT<
In Erinnerung an Markus Prachensky
Das Essl Museum hat aus Anlass seines Todes eine Gedächtnisausstellung in Wertschätzung des Werkes von Markus Prachensky eingerichtet. Kurator Günther Oberhollenzer in Erinnerung an Markus Prachensky.
Noch in sehr lebhafter Erinnerung ist mir die intensive Zusammenarbeit mit Markus Prachensky, zu dessen 75. Geburtstag das Essl Museum 2007 eine große Ausstellung gezeigt hat. Es ist eines der schönsten Aufgaben in der kuratorischen Arbeit, Künstlerinnen und Künstlern persönlich kennen zu lernen und mit ihnen zusammen ein Ausstellungsprojekt umzusetzen. Eine solche Zusammenarbeit kann aber auch sehr konfliktgeladen und emotional belastend sein, oft sind die Vorstellungen des Museums und jene des Künstlers divergierend, Kompromisse müssen schwer erkämpft werden. Nicht so bei Markus Prachensky. Die Zusammenarbeit mit ihm und seiner Frau Brigitte wird mir als eine der schönsten und bereichernsten Kunstprojekte in Erinnerung bleiben, die ich betreuen durfte.
Ich war recht nervös, als ich im Frühling 2007 Markus und Brigitte Prachensky zum ersten Mal zu Hause besuchte. Sein über 50 Jahre währendes, großartiges Schaffen flößte mir einen ziemlichen Respekt ein. Markus Prachensky begegnete mir aber mit einer großen Offenheit und Herzlichkeit und sehr bald war das Eis gebrochen. Körperlich zwar beeinträchtigt erschien er mir dennoch ungemein vital und energiegeladen. Zu meiner Überraschung und Freude betrachtete er mich von Anfang an als gleichberechtigten Gesprächspartner, obwohl doch über vierzig Jahre an Alter und Lebenserfahrung zwischen uns lagen. Und so sprachen wir über Malerei und Kunst, über seinen Werdegang und die Ausstellung als ob wir uns schon lange kennen würden. Die organisatorischen Belange überließ er weitestgehend seiner Frau, und auch mit ihr entwickelte sich eine außerordentlich herzliche wie konstruktive Zusammenarbeit. Begeistert war ich über die Freiräume, die mir bzw. dem Essl Museum zugestanden wurden, etwa in der Gestaltung des Kataloges oder auch in der Hängung der Ausstellung. Mein Ansatz war, den Katalog weniger traditionell-klassisch wie seine bisherigen Publikationen ausfallen zu lassen. Eine frische Grafik wie auch zahlreiche (alte wie neue) Fotos des Künstlers bei der Arbeit machten den Katalog (neben natürlich den Bildern) lebendig und abwechslungsreich. Prachensky gefiel er sehr gut, es schien ihm Spaß zu machen, etwas Neues auszuprobieren. Und als beim Druck es mit der Farbabstimmung nicht ganz klappte, die Malereien aufgrund eines digitalen Übertragungsproblems im Katalog nicht so leuchteten, wie sie sollten, macht mir Prachensky keinerlei Vorwürfe, im Gegenteil. Halb so schlimm, meinte er gelassen.
„Sie kennen sich da besser aus, Sie kennen die Räume des Museums besser als ich,“ ließ mich Prachensky wissen, als es um die Gestaltung der Ausstellung ging, und so bereitete ich einen Hängeplan vor, den er mit Begeisterung und ohne große Änderungen annahm. Zusammen mit Prof. Karlheinz Essl war zu Beginn das Grundkonzept der Ausstellung festgelegt worden: gezeigt wurden „Frühe und späte Werke“ (so auch der Untertitel der Schau), bestehend aus Werken der Sammlung und zahlreichen Leihgaben.

Markus Prachensky - Swing de Provence, 2007, © Sammlung Essl Privatstiftung, Foto: Archiv Sammlung Essl
Spannend, denn ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre entwickelte Prachensky eine unverwechselbare expressive Malweise und setzte jahrelang nur ein vehementes Rot ein. In den Serien seines Spätwerkes ab Mitte der 1990er Jahre kehrte Prachensky wieder verstärkt zum alles dominierenden Rot zurück, wobei die Werke ein stark dynamischer Farbauftrag mit explosionsartigen Farbspritzern kennzeichnet. Die Ausstellungsidee war, die frühen Werke den späten gegenüber zu stellen und so die ganze Ausstellungshalle in Rot zu tauchen – nach Prachenskys Motto „Rot ist die Farbe meines Lebens“. Da er in seinem Spätwerk verstärkt Elemente aus der frühen Schaffenszeit aufgreift, ermöglicht die Ausstellung, Ähnlichkeiten aber auch feine Unterschiede zwischen den Werkgruppen zu erkennen. Wir haben sie bewusst nicht chronologisch gehängt und durchmischten die Jahrzehnte, sodass man als Betrachter vor einem Bild oft vor der Frage stand, ob dieses nun vor ein paar Monaten oder vielleicht vor rund 50 Jahren entstanden war. Dabei hatte ich gerade bei seinem Spätwerk immer wieder den Eindruck, ein jugendlicher Künstler habe diese Werke voll explosionsartiger Farbspritzer geschaffen.
Wie schon im Katalog bereicherte auch die Schau zahlreiche Fotos (Gerald Y Plattner zeigte aktuelle Bilder des Künstlers in seinem Atelier, dem gegenübergestellt wurde eine Fotoserie von Barbara Pflaum aus dem Jahr 1960). Korrespondierend dazu gewährleisten zwei Filme, ein Interview und Prachensky beim Malen (von Claudia Auer und Ferdinand „Marschall“ Karl), einen unmittelbaren Einblick in seine Lebens- und Arbeitswelt. Wunderbar zu sehen, wie Prachensky ein Bild malte! Man muss ihn malen sehen, um seine Kunst ganz zu verstehen.

Markus Prachensky - Ausstellungsansicht "Frühe und Späte Werke", 2007, Foto: Sammlung Essl Privatstiftung
Die Eröffnung war ein Fest. Sie war aber nicht ganz ungetrübt. Am Morgen erreichte uns die Nachricht, dass es Prachensky gesundheitlich nicht gut gehe und er deshalb an der Pressekonferenz nicht teilnehmen könne. Umso größer war die Erleichterung, als der Künstler am Abend erschien. Sein langjähriger Freund Peter Iden hielt die Festrede, Kulturministerin Claudia Schmidt eröffnete die Ausstellung, für Musik sorgte, wie sollte es anders sein, ein Gruppe, die Jazz und Swing spielte –wie es Prachensky liebte und oft im Atelier hörte, während er seine Bilder malte.
So wie seine Kunst war auch der Mensch Prachensky jung und voller Energie geblieben. Seine neuen Bilder waren bereits in Vorbereitung, war jüngst in Nachrufen nachzulesen. Prachensky konnte bis zum Schluss seiner Leidenschaft nachgehen. Eine Leidenschaft für die Malerei, die sich auf den Betrachter überträgt. Sein Werk bleibt über seinen Tod hinaus bestehen. Aber auch die Erinnerung an einen großartigen Menschen.
Günther Oberhollenzer, Essl Museum
„In alle Ewigkeiten Arbeiten produzieren“
Mit >JUNGE MÜTTER UND ANDERE HEIKLE FRAGEN< widmet das Essl Museum dem internationalen Shooting Star Tobias Rehberger von 29. Juni bis 25. September 2011 eine Einzelausstellung. Rehberger präsentiert einen Raum voller Skulpturen und Installationen. Unter den teilweise ganz neuen Arbeiten befinden sich auch mehrere „Mütter“, Skulpturen, die mittels eines Zertifikats von jedem nachgebaut werden können und danach in das Werkverzeichnis des Künstlers übergehen. Wir haben dem Künstler beim Aufbau fünf Fragen zu seinen Werken und seiner Arbeitsweise gestellt.
Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Kunst und Design?
Die Grenze liegt eigentlich darin, wie man etwas ankuckt. Ich glaube nicht, dass Kunst deswegen Kunst ist, weil irgendwie in ihrem Inneren etwas steckt, das sie zur Kunst macht. Es gibt auch nichts, was Design zu Design macht. Ich denke das ist Anschauungssache. Man kuckt etwas unter bestimmten Kriterien an und schaut dann, ob diese Kriterien auf eine interessante Art und Weise erfüllt oder übererfüllt sind. Ich kann natürlich einen Stuhl genauso als Skulptur ankucken wie ich eine Rodin-Skulptur oder eine Serra-Arbeit unter Umständen auch als Sitzbank betrachten kann. Und die Frage ist, unter welchen Kriterienkatalogen ein Objekt oder eine Performance mehr Qualitäten entwickeln kann, aber es gibt nichts, was eine Kunst an sich zur Kunst macht und es gibt auch nichts, was eine Flasche an sich zur Flasche macht, sondern nur weil wir sie so ankucken und so benützen, ist sie das auch.
Wie arbeiten sie? Woher bekommen sie die Ideen für ihre Skulpturen?
Ich arbeite möglichst wenig und deswegen kriege ich die Ideen für meine Skulpturen.
Ihre Skulpturenserie „Mütter“ ermächtigt den Betrachter aktiv zu werden. Wie kam Ihnen die Idee zu dieser Serie? Wie viele Söhne und Töchter gibt es schon? Und hat sie manches Ergebnis überrascht?
Wie ich da draufgekommen bin, weiß ich nicht mehr. Ich habe ja schon viele Arbeiten gemacht, bei denen andere Personen absichtlich Einfluss auf meine eigene Arbeit gekriegt haben, weil ich so an die Entität des Künstlers eigentlich nicht glaube. Für mich hat der Künstler eher die Funktion von so einer Art Durchlauferhitzer oder Katalysator. Ich denke nicht, dass man selbst wahnsinnig viel Kontrolle über die eigentliche Arbeit hat. Ich halte das eigentlich eher für ein Missverständnis und deswegen kam ich dann auf diese Idee. Außerdem interessieren mich Fragen wie „Was ist ein Modell?“ und „Was ist eine Repräsentation von etwas?“ oder „Inwieweit ist was, was eine Repräsentation von was anderem ist auch was für sich selbst?“ und so weiter.
Wie viel Töchter und Söhne es gibt weiß ich nicht genau. Es ist aber auch so, dass die meisten Arbeiten, die ich bis jetzt in der Richtung gemacht habe, relativ komplizierte oder auch relativ große Objekte waren und deswegen ist noch nicht so wahnsinnig viel passiert. Es waren bis jetzt nämlich meistens Häuser oder Garagen und erst vor Kurzem hab ich angefangen auch kleinere Objekte aus diesem Konzept heraus zu entwickeln. Es gibt jemanden in Portugal, der ein Haus auf einer Klippe bauen will, was aus einer Arbeit von mir resultiert, weil er dort eigentlich kein Haus bauen darf, eine Skulptur allerdings schon. Er hat sich das zunutze gemacht, will eine Skulptur von mir als Vorlage, weil er dann eben sagen kann, dass ist ein Kunstwerk und kein Haus.
Das Tolle ist, dass ich durch diese Methode Arbeiten machen kann, wenn ich schon lange tot bin, das Werkverzeichnis eigentlich in alle Ewigkeit, solang es die Zertifikate irgendwo gibt, erweitert wird. Wenn in zweihundert Jahren im Essl Museum vielleicht immer noch diese Zertifikate rumliegen und jemand eines kauft, wird es immer noch Arbeiten von mir geben, ohne dass ich da bin. Diese Idee von Fortpflanzung ist da schon so drin, wie das eigentlich auch sonst funktioniert, dass man sozusagen die Gene weitergibt und man dadurch überlebt, obwohl man schon lang als Gesamtheit nicht mehr existiert. Und so kann ich eigentlich in alle Ewigkeiten Arbeiten produzieren.
Sie gestalten immer wieder Cafés, Büros und Räume des öffentlichen Lebens. Was reizt sie daran?
Also gestalten tu ich eigentlich gar nichts. Ich mache Skulpturen, die dann auch Cafés sind, oder Skulpturen die dann auch Brücken sind. Hier handelt es sich wieder um diese bereits angesprochene Perspektiven-Frage: Was ist was und unter welchen Umständen?
Ich mache diese Sachen natürlich nur aus meinem Interesse für künstlerische Fragen: Was ist Skulptur? Warum ist was Skulptur? Wie kann man drüber nachdenken? Wie kann man drüber reden? Mit was kann man es vergleichen?
Wenn ich jetzt ein Café machen würde als Café, dann würde ich andere Kriterien anlegen und es vermutlich ganz anders machen als jetzt. Was mich aber immer interessiert, ist, dass dieser Perspektivenwechsel überhaupt möglich ist oder sagen wir einmal erleichtert, dass er offensichtlich wird. Das etwas dies und jenes sein kann.
Eine Frage, die mich immer beschäftigt ist jene danach, was es heißt, dass und ab wann etwas funktional ist und warum. Hat es was damit zu tun, dass man etwas benützen kann oder gibt’s da auch Funktionalitäten, die mit Benutzung überhaupt nichts zu tun haben. Ist das immer willentlich? Deshalb gibt es diese, wie ich sie nenne, behinderten Skulpturen, die ja auch in der aktuellen Ausstellung zu sehen sind. Ihre Funktionalität ist eigentlich nur, dass sie eine Dysfunktion haben, dass etwas an ihnen stört, was normalerweise nicht bei Kunstwerken vorkommt. Dass sozusagen das Nichtfunktionieren in einer bestimmten Art und Weise plötzlich zum Funktionieren wird.

Tobias Rehberger Was Du liebst, bringt Dich auch zum weinen, 2009 Caffeteria Biennale di Venezia, Palazzo delle Esposizioni, Venedig © Tobias Rehberger, 2009 courtesy neugerriemschneider, Berlin
Natürlich höre ich es immer wieder, weil es so am einfachsten zu denken ist „Sie haben ja die Cafeteria der Biennale gestaltet“. Hab ich überhaupt nicht gemacht, hat mich überhaupt nicht interessiert. Ich hab eine Arbeit gemacht, die, um diese Skulptur zu sein, die ich haben wollte, funktionalen Zusammenhang benötigt hat. Im Fall der Cafeteria: man geht dort hin, nicht um ein Kunstwerk zu sehen, sondern um Kaffee zu trinken, das ist für das Kunstwerk wiederum sehr wichtig, und deshalb hab ich das in einem funktionalem Zusammenhang gemacht. Es hätte auch eine Tankstelle, ein Supermarkt, ein Büro, irgendwas sein können. Aber ich hab auf gar keinen Fall irgendeine Cafeteria gestaltet. Das ist nicht mein Job, das interessiert mich auch überhaupt nicht.
Im Essl Museum hat vor ihnen Heimo Zobernig im Großen Saal ausgestellt. Gibt es für Sie Parallelen zwischen ihnen und Zobernig?
Das einzige was ich sagen kann, ist, dass ich Heimos Arbeit sehr schätze und ganz toll finde und mir die sehr gefällt und ich sie gut finde. Ob das schon eine Parallele ist, weiß ich nicht. Ich bin froh, dass es Heimos Arbeit gibt.
Essl Art Award CEE – Romania and Bulgaria
While the jury had been travelling by bus for the first round of the Essl Art Award journey, we had to take the plane for our last destinations in Bucharest and Sofia.
The Victoria Art Center in Bucharest was opened at the beginning of the year and we were very happy that the Essl Art Award is one of the first exhbitions shown there. The venue was surprisingly spacious and provided room for nearly all of the nominated works (which has proven difficult in other venues). The Essl Art Award Romania was given to Ana Dutia and Theodora Axente, while Larisa Sitar received a collector’s invitation.
Emotions were high in Sofia, where the Essl Art Award Bulgaria took place for the first time. The opening night was at the Academy and a lot of friends and family of the students were present, cheering them on. The jury had a difficult time deciding on the winners, but finally awarded the prize to Albena Stefanova Baeva and Elena Kaludova.
Winners of the Essl Art Award CEE – Romania
Ana Duția
Ana Duția was born 1986 in Brasov, Romania and studies at the Universitatea Nationala de Arte din Bucuresti (UNAB).
Her artwork “16 January 2009 – 00:00 GMT ” (2010) consists of 77 photographs taken by 49 different people in 49 locations all over the globe. The short text descriptions below the photographs describe the moment in which the photographs were taken.
Text on work (Luci in Italia)
“On the mirror in via Battindarno 376, that reflected my image for five months, I’ve put three light bulbs in the colours of the Romanian flag, blue, yellow and red. The mirror has then been moved in seven locations inBologna, Italy, where Romanians lived or were present, including an orthodox church.”
Teodora Axente
Theodora Axente was born 1984 in Sibiu,Romania and studies at the University of Art and Design in Cluj-Napoca. She received the Vienna Insurance Group Special Invitation as well.
Artist Statement
“Human emotional memory is the main idea of where I started. The past is an open diary of time and my character who is opening it try to explore and understand in a personal way. This character is an embodiment of the conscience of each of us who want to return time and give a whole new way of what has already happened. It is an embodiment of our desire, which may create another version of the past.”
Collector’s Invitation – Larisa Sitar
Larisa Sitar was born in Baia Mare, Romania and studies at the Universitatea Nationala de Arte din Bucuresti (UNAB). She received a collector’s invitation to show her work in the Essl Museum in December at the Essl Art Award CEE show.
Text on work (Untitled Tale/ Tale of the Stork)
“This is a video about growing up and living home. The story of the stork is told by my grandmother. She used to tell it to me when I was little. The video is filmed in my grandparents’ house, in Copalnic village, where I grew up.
A series of 7 digital prints (20 x 25 cm) are part of the work. Some are spaces shown in the video, others are different spaces of the house […] The photographs are shot in […] my grandparents’ house where I grew up and in the house they have built for me, hoping I will live there one day.”
Winners of the Essl Art Award - Bulgaria
Elena Kaludova (Елена Калудова)
Elena Kaludova was born 1982 in Burgas, Bulgaria and studies at the National Academy of Art, Sofia.
She presented two of her recent mixed media works in the exhibition. The installation „Dogs and Bones“ consists of 8 oil on canvas paintings and 1 single channel video. „The paint-chopping machine” adds a meat grinder to 4 paintings and a video installation.
Artist Statement
“I like the way oil paint mixes, the colours it has, the structure it makes and the feeling it gives me when I am using it. It’s dense, greasy and pliable. It has flesh. In my work I combine the art of oil painting with other media, such as video, installation and performance. It is a result of my conception that the combination of two (or more) media, very different at first sight, can make their existence absolutely impossible independently.”
Albena Stefanova Baeva (Албена Стефанова Баева)
Albena Stefanova Baeva was born 1983 in Sofia and studies at the National Academy of Art, Sofia. Baeva also received the Vienna Insurance Group Special Invitation.
Artist Statement
“Currently I’m working on different interactive installations because I am positive that this is the most appropriate form for transporting complex ideas. Interactive installations are suit-able for communication with a contemporary, media-savvy audience.
The topic that I’m most concerned about in my works is the process of different individuals meeting. They may be separated through time – each living at their own speed –, through space or becoming separated in the course of their very individual stories.
The possibility of meeting stands often in the air, but success is uncertain and it must be strived for. I try to capture the moments before the actual meeting when the feeling of being an autonomous individual is most intense. I search for different technical means to heighten this individuality and to explore the possibilities to transcend it.”
Next to her interactive installation “Fall Control” she also presented her work “Universal Meeting”. The artwork focuses on traditional meeting places in the city centre of Sofia, which are typical places for evening dates – at Roboart fest, in a bar and at a bookstore.























