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Karlheinz Essl über seine Ausstellung “made in austria” – Teil 1: Hundertwasser und Weiler

10/04/2014

In einer Blog-Serie stellt Sammler und Kurator Karlheinz Essl seine Ausstellung >made in austria< vor. Diesmal: Hundertwasser und Weiler

Mit der zentralen Ausstellung des Jahresschwerpunktes „made in Austria“ möchte ich als Sammler und Museumsdirektor ein leidenschaftliches Statement für die österreichische Kunst abgeben. Nach langen Überlegungen und auch im Wissen um meine Verantwortung habe ich eine Künstler- und Werkauswahl getroffen. Für mich repräsentiert sie die Bedeutung der einflussreichen österreichischen Künstler unserer Zeit. Mir ist durchaus bewusst, dass meine Auswahl auch auf Kritik stoßen kann. Es handelt sich um meinen persönlichen Blick auf das Kunstgeschehen – eine subjektive Zusammenstellung, die keinen kunsthistorischen Anspruch erhebt. Die Ausstellung zeigt meinen Blick in die Sammlung, meine Sicht auf die österreichische Kunstgeschichte nach 1945. Ich zeige jene Schwergewichte, die ihre Spuren deutlich in der österreichischen aber auch in der internationalen Kunstwelt hinterlassen und das weltweite Kunstgeschehen beeinflusst haben. Dafür habe ich siebzehn Künstlerinnen und Künstler mit bedeutenden Werken aus unserer Sammlung ausgewählt.

Aus der Vielzahl der Möglichkeiten eine Auswahl zu treffen, war eine große Herausforderung. Allein die Ausstellungsräume machen eine Beschränkung notwendig, zusätzlich sollte die Ausstellung nicht beliebig sein. Deshalb habe ich mich bewusst auf relativ wenige Künstlerinnen und Künstler beschränkt, auch damit jede künstlerische Position mit einer Reihe von wesentlichen Werken in ihrer Bedeutung wahrgenommen werden kann und die einzelnen Kunstwerke viel Raum für die Betrachtung haben. In der Werkauswahl verfolge ich keinen retrospektiven Ansatz, sondern lege großen Wert auf eine Konzentration auf einige wichtige Werkgruppen. Das heißt aber nicht, dass nur die hier gezeigten Künstlerinnen und Künstler für mich wichtig sind. Ganz im Gegenteil. Meine Frau und ich schätzen alle Künstlerinnen und Künstler in unserer Sammlung. Durch das Jahresprogramm „made in austria“ gibt es neben dieser Ausstellung eine Reihe weiterer Möglichkeiten, Sammlungskünstler in ganz unterschiedlichen Kontexten wiederzusehen.

Erster Galerieraum – Friedensreich Hundertwasser und Max Weiler

Es wird vermutlich viele wundern, Friedensreich Hundertwasser und Max Weiler zusammen in einem Raum zu sehen. Beide sind von mir hoch geschätzte Künstler, und beide haben die Natur als ihr künstlerisches Thema auserwählt.

Für Friedensreich Hundertwasser ist die Natur die existenzielle Grundlage seiner Kunst aber auch seines Lebens. Er war der erste Ökologe und auch ein Vorreiter der Grünenbewegung. Die Natur ist für ihn das Allumfassende. Hundertwasser hatte drei Wohnsitze: einen in der Normandie (einen großen Bauernhof, wo er dutzende Bäume gepflanzt hat), einen in Venedig (einen Palazzo mit Garten) und einen in der „Bay of Islands“ in Neuseeland (ein altes Farmgebäude mit 190 Hektar Grund, er hat dort 150.000 Bäume gepflanzt). Er lehnt die gerade Linie ab, da es sie in der Natur nicht gibt. Deshalb prägen organische, vegetative Formen, der Kreis und insbesondere die Spirale, seine Kunst.

“Die gerade Linie führt zum Untergang der Menschheit. Die Spirale ist das Symbol des Lebens und des Todes. Die Spirale liegt genau dort, wo die leblose Materie sich in Leben umwandelt.” Friedensreich Hundertwasser

Als sinnstiftendes Element des Lebens symbolisiert sie das Dasein und Vergehen, das Werden und Entstehen. Ein weiteres wesentliches Element seiner Kunst ist das Wasser. Hundertwasser liebt den Regen und entwirft 1972 die „Regentage-Mappe“, eines der ersten Kunstwerke, das meine Frau und ich angekauft haben. Neben seiner Malerei hinterlässt der Künstler auch ein umfangreiches architektonisches Werk, wofür ihm ebenfalls die Natur als Ausgangspunkt diente. Ich schätze seine Arbeiten vor allem bis Anfang der 1960er-Jahre und bis dahin haben wir sie auch gesammelt.

Den Werken von Hundertwasser aus den 1950er- und 60er-Jahren stehen Arbeiten von Max Weiler aus der selben Zeit gegenüber. Leben und Werk Weilers sind in einem untrennbaren Zusammenhang zu sehen, sie spiegeln die spirituelle, geistige und philosophische Haltung des Künstlers wider. Weiler war stets ein unangepasster, revolutionärer Künstler – eine eigene, unverwechselbare Position in der österreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts, die keiner der gängigen Stilrichtungen zuzuordnen ist. Der Künstler sieht – geprägt durch die katholische Neulandbewegung in den 1930er-Jahren, besonders aber auch durch die altchinesische Landschaftsmalerei, speziell aus der Periode der Sung-Dynastie (960–1279) – das Spirituelle in der Natur, er führt die kontemplative Versenkung in die Schöpfung über in eine gegenstandslose Malerei.

“Diese Bilder sind ganz künstliche Landschaften, künstliche Formen, die Natur suggerieren sollen. Erfindungen meiner eigenen Landschaften. Erfundene Formen neuerer Naturen in schönen Faren. Gebilder der Phantasie, Andenken an Formen der Wirklichkeit.” Max Weiler

In Malereien der 1950er-Jahre abstrahiert Weiler Naturformen immer mehr, in der wegweisenden Werkserie „Wie eine Landschaft“ der 60er-Jahre nimmt er Probierpapiere als Vorlage für seine großformatigen vergeistigten Landschaftsmalereien. Diese Werkserie stellt einen zentralen Wende- und Höhepunkt in seinem künstlerischen Schaffen dar. Die spirituelle Landschaftsbetrachtung Weilers tritt damit in einen spannungsvollen Dialog mit den vegetativen Naturformen Hundertwassers.

Führungstipp: Am Sa, den 12.04. um 16.00 Uhr und am Mi, den 11.06. um 19.00 Uhr führt Sammler Karlheinz Essl durch seine Ausstellung. Die Führung ist kostenlos. Um Anmeldung wird gebeten: 02243 / 370 50 150.

Die Ausstellung >made in austria< ist noch bis 24.08. im Essl Museum zu sehen.

Literarische Diversitäten

20/03/2014

Im Gespräch mit den Autoren Kurt Mitterndorfer und Herbert Christian Stöger

Am 26. März (19 Uhr, Eintritt frei!) werden die beiden Autoren Kurt Mitterndorfer und Herbert Christian Stöger im Rahmen des Literaturprogramms im Essl Museum aus ihren Werken lesen. Der Abend trägt den Titel „Diversitäten“. Kurt Mitterndorfer liest Prosa, Herbert Christian Stöger liest Lyrik und Prosa. Kurt Mitterndorfers erzählende, realistische Texte stellen Menschen in den Mittelpunkt, Herbert Christian Stöger konstruiert Texte, häufig unter Verwendung von Material aus Lexika. Beide Autoren stammen aus Linz.
In einem kurzen Interview erzählen die beiden Autoren, wie Kunst und Literatur für sie zusammenhängen und welche Ausstellungen sie gerne selbst im Essl Museum verwirklichen würden.

Der Autor Kurt Mitterndorfer liest Prosa im Essl Museum.

Der Autor Kurt Mitterndorfer liest Prosa im Essl Museum.

Erwin Uhrmann: Spielt zeitgenössische Kunst beim Schreiben für Dich eine Rolle?Herbert Christian Stöger: Kunst spielt insofern eine Rolle in meinem Schreiben, da ich selbst bildender Künstler bin und in meinen Videos oder anderen künstlerischen Arbeiten Texte ein wesentlicher Bestandteil sind.

Kurt Mitterndorfer: Nein, ich beziehe mich in meiner Schreibarbeit bewusst auf keine zeitgenössischen “Inputs”. Die Ideen zu meinen Texten beziehe ich zwar meist direkt aus meiner Umwelt, aber sie entstehen nicht als Reaktion/Reflexion auf zeitgenössische Kunst. Umgekehrt aber beziehe ich des Öfteren meine Texte, zumindest Teile davon, in bildnerische Arbeiten ein.

Erwin Uhrmann: Derzeit zeigen wir im Essl Museum in 3 Ausstellungen Werke von insgesamt 41 österreichischen Künstlerinnen und Künstlern. Vor dem Werk welcher Künstlerin/welches Künstlers würdest Du am liebsten lesen?

Herbert Christian Stöger: Nun, das ist derzeit schwierig. Ich meine, der Ausstellung wegen vor den Arbeiten von Deborah Sengl, aber ob die Ratten für das Publikum so angenehm wären? Außerdem gibt es darin keinen Bezug zu meinen Texten. Am besten wäre wohl ein Bild von Max Weiler, wenn es ein großes Gemälde (Spätwerk) wäre.

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Herbert Christian Stöger liest Lyrik und Prosa.

Kurt Mitterndorfer: Maria Lassnig fasziniert mich ob ihrer Offenheit und Eindringlichkeit. Die ausgestellten Werke kenne ich allerdings nicht zur Gänze, kann deshalb heute die Frage nur teilweise beantworten. Am Tag der Lesung, nach meinem geplanten Rundgang durch die Ausstellung, kann ich es vielleicht.

Erwin Uhrmann: Wenn Du eine Ausstellung im Essl Museum machen würdest als Kurator/in, welchen Titel würdest Du ihr geben? Was würdest Du zeigen?

Kurt Mitterndorfer: Ich kann keinen Ausstellungstitel nennen zu einer Ausstellung, deren Inhalt ich nicht kenne. Mich interessiert der Mensch, ich würde also zum Beispiel alle Portraits aus der Sammlung für eine Ausstellung verwenden. Titel vielleicht: “Alles Mensch”

Herbert Christian Stöger: “Zerstörung durch Geld” wäre der Titel. Bei der Auswahl der Künstler würden wohl Videokünstler eine wesentliche Rolle spielen. In zweiter Hinsicht auch Installation und wohl Druckgraphik. Unbedingt dabei sein müßten Bill Viola und Julian Rosefeldt, sowie Raymond Pettibon und Muntean/Rosenblum, um auch zwei Künstler zu nennen, die ich auch schon im Essl Museum ausgestellt gesehen habe.

Die Lesung findet am in Zusammenarbeit mit der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und der Literaturgesellschaft Klosterneuburg.

>die zukunft der malerei< – 3 Fragen an Günther Oberhollenzer, den Kurator der Ausstellung

18/02/2014

ImageWelche jungen malerischen Positionen gibt es in Österreich zu entdecken? Diese Frage stellt das Essl Museum heuer in der Ausstellung „die zukunft der malerei“ im Rahmen der Ausstellungsreihe „emerging artists“. Das Essl Museum versteht sich nicht nur als Ort für etablierte Künstlerinnen und Künstler, sondern auch als Experimentierfeld für junge, noch nicht stark im Kulturbetrieb sichtbare Kunst.

Barbara RoycBarbara Royc (Social Media Redaktion): Die Reihe >emerging artists< legt alle 2 Jahre einen  Fokus auf zu entdeckende Künstler und Künstlerinnen einer Region. Wie ist diese Ausstellungsreihe entstanden und was erwartet die Teilnehmer?

Günther Oberhollenzer Günther Oberhollenzer (Kurator): Als das Essl Museum 1999 eröffnet wurde, war es dem Sammlerehepaar Agnes und Karlheinz Essl ein besonderes Anliegen, einen Schwerpunkt des zukünftigen Ausstellungsprogramms der aktuellen jungen Kunstszene zu widmen. Die damalige künstlerische Leiterin Gabriele Bösch hat dafür ein stimmiges Konzept vorgelegt: Die Ausstellungsserie mit dem Titel >emerging artists< setzte sich zum Ziel, junge, aktuelle Kunst, in einem musealen Umfeld zu präsentieren. Als idealer Raum bot sich der „concrete cube“ im Sammlungsdepot an. Im Laufe von vier Jahren (2000-2003) wurden hier ca. 40 Einzelkünstlerpositionen präsentiert. Nach einjähriger Konzeptions- und Orientierungsphase wurde die Ausstellungsserie >emerging artists< 2005 in geänderter Form fortgesetzt. Statt Einzelpräsentationen fanden ab nun Gruppenausstellungen statt, die der noch nicht stark in der Öffentlichkeit sichtbaren Kunstszene gewidmet waren. Ab 2006 fand die Ausstellungsreihe alle zwei Jahre statt – alternierend mit dem >Essl Art Award CEE<.

Die erste, 2005 von Christine Humpl kuratierte Gruppenausstellung trug den Titel >hotspots< und gab Einblicke in aktuelle Kunstszenen aus Amsterdam, Berlin, London, Paris und Wien. 2006 richtete das Essl Museum den Blick auf die Schweiz (Kuratoren waren Daniela Balogh und Andreas Hoffer). 2008 stand mit >AUSTRIAconTEMPORARY< die österreichische Kunst im Focus, mit über 1000 Bewerbungen das bis dahin aufwändigste Projekt der Reihe (Kuratoren: Christine Humpl und ich als Kokurator), 2010 widmeten wir uns mit >India Awakens< der indischen Kunstszene (Kuratorin: Alka Bande) und 2012 schließlich mit >New. New York< junger Kunst aus dem Big Apple (Kurator: John Silvis).

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von >die zukunft der malerei< erwartet also ein Ausstellungsprojekt, das auf eine inzwischen fast 15-jährige Tradition zurückblickt. Wir planen rund 15 bis 20 künstlerische Positionen auszuwählen und diese in unserer Ausstellungshalle – begleitet von einem umfassenden Katalog – zu präsentieren. Ein so ambitionierte Ausstellungsprojekt für junge, noch nicht etablierte Kunstschaffende in einem Museum für Gegenwartskunst ist sehr ungewöhnlich, aber für uns ein klares Statement für die Zukunft einer Kunst, bei der noch alles offen ist – eine so notwendige Förderung, die in dieser Konsequenz in Österreich nur von diesem privat geführten Museum wahrgenommen wird.

B.R. : Diesmal steht die Ausstellung ganz im Zeichen österreichischer Malerei, sozusagen eine Österreich-Edition. Wer kann sich den bewerben?

G.O.: Bewerben können sich österreichische Künstlerinnen und Künstler bzw. solche, die in Österreich leben und arbeiten. Die österreichische Staatsbürgerschaft ist keine Voraussetzung, in diesem Fall muss aber der künstlerische Arbeitsschwerpunkt während der Bewerbungs- und Auswahlphase in Österreich liegen. Die Bewerbungszeit läuft bis Mitte April 2014. Im Sinne der >emerging artists< – Ausstellungsreihe sollen die Werke der Bewerberinnen und Bewerber noch nicht stark am Kunst- und Ausstellungsmarkt sichtbar sein. Ganz wichtig ist uns, dass es kein Alterslimit gibt, da wir die Meinung vertreten, dass man auch mit über 30 oder 35 Jahren noch spannende Kunst schaffen kann, die es wert ist, entdeckt zu werden.

Diese Mal haben wir uns entschieden, den Fokus auf die Malerei und Grafik zu setzen (dies schließt aber z.B. multimediale Erweiterungen dieser Medien oder mixed media – Arbeiten nicht aus). Das ermöglicht eine vertiefende Auseinandersetzung mit diesen „klassischen“ Medien der zeitgenössischen Kunst, und offen gesagt sind wir einfach auch neugierig, was gerade malerisch in der österreichischen Kunstszene momentan so passiert.

B.R.: Malerei wurde bereits 100 Mal totgesagt. Zuletzt beschäftigten sich aber zum Beispiel Tate Britan mit der Ausstellung „Painting Now: 5 Contemporary Artists“ und „curated by“ 2013 mit dem Zustand der Malerei. Was könnte die Zukunft der Malerei sein?

G.O.: Die Malerei ist so alt wie die Menschheit. Sie wird es immer geben, ist und bleibt sie doch eine der unmittelbarsten Ausdrucksformen künstlerischer Vorstellungskraft und Kreativität: Ein Pinsel. Eine Leinwand oder ein Blatt Papier. Das genügt. Und eine ganze Welt kann entstehen. Deshalb mache ich mir über die Zukunft der Malerei keine Sorgen.

Neugierig bin ich aber darauf, wie diese Zukunft aussehen wird. Ich hoffe und wünsche mir, dass wir von malerischen Positionen überrascht werden, das wir bei den geplanten Atelierbesuchen Kunstwerke entdecken, die uns sprachlos machen, die eine Malerei mit ganz neuen Facetten zeigen. Auch sind wir neugierig auf künstlerische Positionen, die dieses Medium kritisch hinterfragen oder ihre Grenzen ausloten. Aber es muss die Malerei nicht neu erfunden werden. Ein starkes Bild kann, egal ob figurativ oder abstrakt, in Öl oder Acryl, mit seiner malerischen Kraft uns nach wie vor begeistern und berühren, uns aufregen, zum Nachdenken anregen oder auch in Kontemplation versetzen. Ich freue mich jedenfalls auf die hoffentlich zahlreichen Bewerbungen!

Die wichtigsten Facts zur Bewerbung:

Zur Einreichung zugelassen sind Malerei und Grafik.

Der Bewerbungszeitraum ist von 15. Februar bis zum 15. April 2014.

Nur online-Bewerbungen werden akzeptiert!

Den detaillierte Leitfaden mit den Voraussetzungen für die Bewerbung finden Sie hier.

Bitte diese Angaben vor der Bewerbung genau durchlesen!

Hier geht es direkt zur online-Bewerbung: www.diezukunftdermalerei.org

Wal auf Reisen – Gabriel Orozco’s Dark Wave in Stockholm

12/02/2014

Von den 7.000 Kunstwerken der Sammlung Essl sind zahlreiche Werke immer wieder auf Reisen und werden an Museen und Galerien im In- und Ausland verliehen, um dort in wichtigen Ausstellungen gezeigt zu werden. Wir freuen uns, dass derzeit der „Dark Wave“ (2006), ein beeindruckendes Kunstwerk von Gabriele Orozco aus der Sammlung Essl, in der Personale „Gabriel  Orozco: Natural Motion“ (14. Februar 2014 bis 4. Mai 2014) im Moderne Museet, Stockholm zu sehen ist. Ein Blauwal, gefunden an der Südwestküste von Spanien, inspirierte Gabriele Orozco zu seiner imposanten, fast fünfzehn Meter langen Arbeit. Das aus Kunstharz wirklichkeitsgetreu nachgebildete Walskelett ist mit einem kunstvollen Graphitmuster aus sich überschneidenden Ringen und Kreisen überzogen und lässt zahlreiche Assoziationen an biblische Geschichten und mythologische Stoffe entstehen.

„Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.“ 1. Moses 1,21-23

Gabriel Orozco Dark Wave, 2006 © Gabriel Orozco, courtesy Essl Museum Fotonachweis: Elisabeth Hartmann, Archiv Sammlung Essl

Gabriel Orozco
Dark Wave, 2006
© Gabriel Orozco, courtesy Essl Museum
Fotonachweis: Elisabeth Hartmann, Archiv Sammlung Essl

Ein Blauwal, gefunden an der Südwestküste von Spanien, inspirierte Gabriele Orozco zu seiner imposanten, fast fünfzehn Meter lange Arbeit „Dark Wave“. Orozco arbeitet häufig mit gefundenen (Alltags-)Gegenständen und Situationen. Durch Modifizierung oder Veränderung des Kontextes schafft er neue, teils wunderbare, teils verstörende Arbeiten. Die Faszination des „Dark Wave“ liegt in der Transformation eines gefundenen Naturkunstwerkes in ein von Menschenhand gestaltetes Artefakt, das zahlreiche Assoziationen an biblische Geschichten und mythologische Stoffe lebendig werden lässt.

Das aus Kunstharz wirklichkeitsgetreu nachgebildete Walskelett ist mit einem kunstvollen Graphitmuster aus sich überschneidenden Ringen und Kreisen überzogen. Diese sind nicht zufällig, oberflächlich aufgetragene Dekorationen oder Tätowierungen sondern, so Orozco, als Reaktion auf die Topografie des Objektes entstanden und in Einklang mit dessen Struktur aufgetragen.

Beim Betrachten des Walskeletts ortete Orozco bestimmte „Energiepunkte“. Einige sind lebensentscheidende Punkte für die Bewegung und das Verhalten des lebenden Wals, wie zum Beispiel das Spritzloch auf der Schädeloberfläche, andere sind wichtige Felder für die Struktur und Dynamik des Walskeletts an sich, wie etwa der untere Rand des Schulterblattes. Orozco entschied, den Ort jeder dieser Punkte mit einem kleinen Kreis zu kennzeichnen. Konzentrische Kreise erweitern in der Folge den Ausgangskreis und betonen dessen Bedeutung.

Bei der Bemalung wurde jeder Energiepunkt mit einem schwarzen Graphitkreis markiert. Davon ausgehend wurden dünne weiße Ringe eingezeichnet, die den Blick direkt auf das Skelett frei lassen. Die großen Flächen zwischen den Ringen wurden mit Graphit ausgemalt.

Die Übertragung dieses Musters auf die gesamte Oberfläche des Wahlskelettes hat zur Folge, dass sich jede vom Zentrum entfernende Ringwelle mit zahlreichen Kreisen überschneidet, die von anderen Energiepunkten ausstrahlen. Nicht eine Gruppe von klar ausgeprägten Ringen ist erkennbar, sondern vielmehr eine Serie von unterbrochenen und sich unterbrechenden Bändern. Jeweils von Standort des Betrachters abhängig ist das System von Orozcos Bemalung der Energiepunkte einmal einleuchtend, im nächsten Moment aber wieder schwer lesbar, einmal klar, dann aber auch wieder verwirrend. So werden Strukturen und Energiefelder des Walskeletts einerseits verstärkt andererseits aber auch verschleiert. Die Anziehungskraft des Kunstwerkes auf den Betrachter wird dadurch aber nur noch intensiviert.

Den Namen „Dark Wave“ entlehnt Orozco dabei aus der Musikwelt. Als „Dark Wave“ (engl. dark = „dunkel, trüb“, wave = „Welle“) wird eine Epoche der Musik und zugleich ein Oberbegriff für eine Reihe von Musikstilen bezeichnet, die sich in den 1980er Jahren zur Zeit der New-Wave-Bewegung entwickelt haben. Hinsichtlich ihrer klanglichen Umsetzung wird die „Dark Wave“-Musik als dunkel, und melancholisch, elegisch oder sehnsuchtsvoll wahrgenommen.

Ob Jonas und der Wal, das Meerungeheuer Leviathan oder natürlich Moby Dick – der wie ein Vogel in der Luft schwebende Wal lässt zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten zu.

(Text erstmals erschienen im Ausstellungskatalog “Passion for Art”, 2007).

Günther Oberhollenzer

Weiterführend: Biographie des Künstlers Gabriel Orozco auf der Website des Essl Museums

Der Mensch, das Ich und die Sehnsucht

16/01/2014

Die Ausstellung „Sehnsucht ich“ wird bis 16. Februar 2014 verlängert. Kurator Günther Oberhollenzer erzählt über den ehrgeizigen Versuch, sich in der zeitgenössischen Kunstausstellung mit dem Menschen und seinem Bild auseinander zu setzen.

Wir tragen eine Sehnsucht in uns, Momente der Vergänglichkeit zu entreißen, unser Äußeres, aber auch unser Sein festzuhalten, zu sagen „Ich bin hier!“ und uns im wahrsten Sinne des Wortes zu verewigen. Das kann durch ein gemaltes Bild geschehen, eine Porträtsitzung in einem Fotostudio, heute aber viel häufiger durch selbst gemachte Schnappschüsse oder Filme. Gleichzeitig verliert im schnelllebigen Zeitalter von digitalen Medien und Facebook, wenn jeder täglich mit seinem Smartphone dutzende Fotos von sich schießen kann, und viele das auch tun, das einzelne Bild an Bedeutung. Digitale Medien sind heute beinahe immer und überall verfügbar, fast jedes Detail unseres Lebens wird festgehalten und im Netz mit Freunden geteilt, sodass gerade das (fotografische) Abbild selbst wieder zum flüchtigen Moment wird, im nächsten Augenblick abgelöst durch neue Bilder. Dabei scheint die Bilderflut der multimedialen Kommunikationsgesellschaft den Blick auf uns selbst nicht zu schärfen sondern, im Gegenteil, unübersichtlicher und trüber zu machen.

Ausstellungsansicht „Sehnsucht Ich“ (c) Günther Oberhollenzer

Ausstellungsansicht „Sehnsucht Ich“

Maria Lassnig, Die Trauer (Detail), 2003, Foto: Günther Oberhollenzer

Maria Lassnig, Die Trauer (Detail), 2003

Die bildende Kunst nimmt oft für sich in Anspruch, der Vergänglichkeit zu trotzen, über den Moment hinaus bestehen und wirken zu können. Das war und ist wohl die Intention hinter jedem Porträt der Kunstgeschichte. Die Ausstellung „Sehnsucht Ich“ fasst den Blick aber weiter – nicht nur das menschliche Porträt steht im Fokus, sondern vielmehr die grundsätzliche Frage nach dem Bild des Menschen. Und sie erzählt von der uns immer wieder antreibenden Sehnsucht, sich ein solches Bild zu machen. „Menschenbild“ ist kein kunstimmanenter Begriff, sondern kommt ursprünglich aus der Philosophie. Er steht in der Anthropologie für die Vorstellung, die jemand vom Wesen des Menschen hat. Das philosophische Menschenbild reflektiert die menschlichen Eigenschaften, den Sinn des menschlichen Daseins und seinen Wert. Da der Mensch Teil der Welt ist, ist das Menschenbild immer auch Teil des Weltbildes. Der Mensch kann zu unterschiedlichen Zeiten, in verschiedenen Kulturen, aber auch innerhalb der eigenen Gesellschaft ganz unterschiedlich betrachtet werden. Man denke etwa an das humanistische und christliche Menschenbild oder, spezifischer, an ein psychologisches und soziologisches. Seit jeher ist die Kunst ein wesentliches Medium, durch das sich individuelle aber auch gesellschaftliche Bilder vom Menschsein äußern. Auch in der Gegenwartskunst sind die Darstellung des Menschen, das Abarbeiten am Menschsein oder das Thema der Figuration häufig wiederkehrende Motive, die inhaltlich und stilistisch abwechslungsreich die Vielfältigkeit des Menschenbildes widerspiegeln.

Judy Fox, Eve und Jaguar Knight, 1987 und 1990 Hintergrund: Fang Lijun, 21.12.2003, 2003, Foto: Günther Oberhollenzer

Judy Fox, Eve und Jaguar Knight, 1987 und 1990 Hintergrund: Fang Lijun, 21.12.2003, 2003

Jonathan Meese, Sehnsucht ICH, St. All – Liebe und Dr. NO, 2004, 2002 und 2006, Foto: Günther Oberhollenzer

Jonathan Meese, Sehnsucht ICH, St. All – Liebe und Dr. NO, 2004, 2002 und 2006

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Postulat „Sehnsucht Ich“ ist einer Arbeit von Jonathan Meese entlehnt. Für eine Schau, die den Menschen und sein Bild verhandelt, erschien mir „Sehnsucht Ich“ eine passende Überschrift: Die Sehnsucht, dieses unstillbare innige Verlangen nach einer Person, einem Zustand, einem alternativen Leben, wird in Beziehung gesetzt zum Ich, zur individuellen Identität, dem Sein des Menschen. Ein Titel kann natürlich eine Ausstellung niemals ganz erfassen, zu unterschiedlich, zu vielschichtig sind die einzelnen Kunstwerke und Positionen, ihre Inhalte und Herangehensweisen. „Sehnsucht Ich“ kann aber durch den offenen, in vielerlei Hinsicht deutbaren Charakter auf die Ausstellung neugierig machen. Hat nicht jeder Mensch die Sehnsucht, zu sich und seinem Ich, zu seiner Bestimmung, seinem Platz in Familie und Gesellschaft, in der Welt und im Leben zu finden, sich seines Menschseins zu vergewissern? Es stellen sich heute aber verstärkt auch Fragen nach dem Abbild unseres Ichs: Wie beeinflussen sich das öffentliche und private Ich gegenseitig, etwa wenn das private Ich öffentlich gemacht wird? In welcher Relation stehen das digitale – oder auch das künstlerische – und das reale Ich?

Die Ausstellung ermöglicht einen Blick auf Werke von über fünfzig Künstlerinnen und Künstlern, die zum Teil nicht verschiedener sein könnten und doch einig sind in ihrem Bestreben, über bildnerische Ausdrucksmittel das menschliche Sein und sich selbst zu ergründen, zu begreifen oder auch zu hinterfragen. Dabei stellen sich auch die Fragen: Vermag es ein Bild, einen Menschen in seinem Ich und seiner Welt zu erfassen? Was erzählt es uns über den Künstler, die Künstlerin? Ist nicht gerade jedes Kunstwerk auch gleichzeitig Inbegriff der menschlichen Sehnsucht, dass etwas von unserem Leben über den Tod hinaus wirken möge, unser Ich nicht in Vergessenheit gerät?

Zu sehen sind Malereien internationaler Künstlerinnen und Künstler, ergänzt durch ausgewählte skulpturale Arbeiten. Alle Werke stammen aus der Sammlung Essl. Die Sammlung birgt einen reichen Schatz an großartigen Werken zum Thema „Sehnsucht Ich“, sodass ohne Weiteres mehrere Ausstellungen damit bespielt werden könnten. Gleichzeitig muss aber konstatiert werden, dass ein so umfassendes Thema wie der Mensch und sein künstlerisches Bild immer nur zart angerissen werden kann. Aus diesem Blickwinkel betrachtet kann eine Konzentration, also etwa eine bewusste Einschränkung auf vor allem zwei künstlerische Medien, sehr wohltuend sein. Auch die inhaltliche Ausrichtung der Schau folgt dem Gedanken, den Mut zur Lücke zuzulassen. Ich habe mich gegen eine kunsthistorische Abhandlung entschieden und mehr persönliche und assoziative Überlegungen in den Vordergrund gestellt. Die einzelnen Themenräume sind lose an verschiedene Lebensstadien des Menschen angelehnt. Die Menschenbilder reichen von Kinder- und Jugendszenen über Selbstporträts und Menschen im Spannungsverhältnis zur Gesellschaft bis hin zu Reflexionen über Körper und Psyche, Vergänglichkeit, Tod und Erlösung. Neben diesem inhaltlichen roten Faden begegnet dem Betrachter auf formaler Ebene die ganze Bandbreite der gegenständlichen Malerei vom Fotorealismus bis zur völligen Auflösung der Figur.

Chuck Close, Self-Portrait (Detail), 2009, Foto: Günther Oberhollenzer

Chuck Close, Self-Portrait (Detail), 2009

Virgilius Moldovan, Heilende Akrobatik (Detail), 2008 Hintergrund: Reimo Wukounig, Der gequälte Zögling, 1974, Foto: Günther Oberhollenzer

Virgilius Moldovan, Heilende Akrobatik (Detail), 2008
Hintergrund: Reimo Wukounig, Der gequälte Zögling, 1974

In der Ausstellung begegnen uns vier Ichs: Zuallererst sind es die einzelnen Künstlerinnen und Künstler, die meist allein, auf sich zurückgeworfen in ihren Ateliers, die Arbeiten erschaffen haben. Als zweites ist das Sammlerpaar, Agnes und Karlheinz Essl, zu nennen. Durch ihre Leidenschaft für die Kunst haben sie mit ihrer Sammlung einen reichen Fundus für diese Ausstellung bereitgestellt. Drittens der Kurator: er wählt aus der Fülle der Sammlung nach seinen Vorstellungen die Werke aus, erstellt ein inhaltliches Konzept mit einzelnen Themen und möglichst spannenden Werkzusammenstellungen. Und viertens der Betrachter, die Betrachterin: er oder sie treten in Dialog mit den Kunstwerken, die ein Künstler geschaffen, ein Sammlerpaar gesammelt, ein Kurator ausgewählt hat. Kunst fordert zum Dialog auf. Was ist ein Kunstwerk ohne seine Betrachter, was eine Ausstellung ohne Besucher? Nur im Zusammenspiel im Wir kann die Ausstellung bestehen und gelingen.

Ich habe es diesen Sommer gewagt: Ich ließ mein Gesicht, einen Moment meines äußeren Ichs, in einem Porträt festhalten. Es war kein teures Auftragswerk, kein angesagter oder renommierter Maler. Doch unter den Straßenkünstlern ist er für mich der Beste, den ich bisher gesehen habe. Sein Name ist Bane Gavrilović, er stammt aus Serbien, und er zeichnet und malt jeden Abend am Hauptplatz der kleinen Stadt Lefkada in Griechenland. Die Porträtsitzung dauerte eine gute Stunde. Einige Zeit, um nachzudenken. Es war eine inspirierende Erfahrung. Gavrilović hat mich ganz gut getroffen, nicht alles ist stimmig, aber das Abbild doch so, dass ich mein Ich darin zu erkennen glaube.

Die Ausstellung „Sehnsucht Ich“ kann Anregung sein, sich mit dem Ich und seiner künstlerischen Sicht zu beschäftigen. Doch so wie bei einem Porträt möge sie nicht bei einer allgemeinen künstlerischen Betrachtung enden, sondern uns vielmehr auch ermutigen, über unser eigenes Ich zu reflektieren.

Die Ausstellung >SEHNSUCHT ICH< ist noch bis 16.02.2014 im Essl Museum, Klosterneuburg bei Wien zu sehen.

Alle Fotos: Günther Oberhollenzer

LIKE IT! – oder: Ich like, also bin ich!

31/10/2013

Gastkurator Andreas Maurer, der im Oktober mit 5 Kollegen und Kolleginnen die Ausstellung LIKE IT! kuratiert hat, zur Ausstellung LIKE IT! und über das reale Ich in sozialen Netzwerken

PATRÍCIA JAGICZA Estrella, 2010,  © Sammlung Essl Privatstiftung, Foto: Archiv der Künstlerin

PATRÍCIA JAGICZA
Estrella, 2010,
© Sammlung Essl Privatstiftung, Foto: Archiv der Künstlerin

Eine Frau setzt eine Maske auf, betrachtet dabei ihr eigenes Spiegelbild, und das am denkbar unmöglichsten Ort – einer Männertoilette.

Über 200 Likes bekam dieses Gemälde der ungarischen Malerin Patricia Jagicza von der Facebook Community und wurde damit auf Platz 1 katapultiert– ungewöhnlich, oder doch nur die logischste Konsequenz einer virtuellen Realität?

PATRÍCIA JAGICZA

Forscher der Universität Cambridge haben schon vor einigen Jahren ein Programm entwickelt welches Facebook -Likes auswertet und damit eine 95%ige Trefferquote bei Rückschlüssen etwa auf sexuelle Orientierung, Hautfarbe und Drogenkonsum der User erreicht. Der harmlose Mausklick wird also zum Spiegel unseres Psychogramms, wir selbst zum gläsernen Menschen.

Man sollte meinen, dass der/die User/in sich bei diesen Erkenntnissen scheut seine/ihre Vorlieben preiszugeben, und doch hat der LikeButton in seiner Einfachheit geradezu etwas diabolisch Verführerisches an sich.

Denn: Der nach oben gerichtete Daumen erinnert wahrscheinlich nicht von ungefähr an das berühmte Zeichen der Ceasaren im antiken Rom welche mit dieser simplen Geste über Leben und Tod der  Gladiatoren in der Arena entschieden.

Gastkuratoren bei der Arbeit, Foto: Susanne Hintringer

Gastkuratoren bei der Arbeit, Foto: Susanne Hintringer

Heute sind wir die Ceasaren wie auch die Gladiatoren, jedenfalls in unserem selbst geschaffenen Online-Kolosseum. Die Regeln der virtuellen Facebook-Welt  folgen dabei ihren antiken Ahnen,  es gibt keine Zwischenzone – Like oder nicht, Freund oder nicht – Entweder: Oder.  (Immerhin wurde der Dislike Button bis dato vermieden – aus Angst das Gute- Laune- Feeling der Plattform zu gefährden.)

 

Gemütlich sitzend, etwa von der  behaglichen Wohnzimmercouch aus, kann man seine Likes (inklusive seiner Weisheiten) allmächtig in die Welt hinausposaunen, ohne Angst vor einem Gegenüber– und wenn doch, kann dieses mit einem Klick aus der Liste entfernt und zum ewigen Schweigen degradiert werden.

 

In unserer selbst geschaffenen Welt sind wir die Könige, Helden und/oder Krieger, und wie Jagiczas Kämpferin ist es uns erlaubt in dieser privaten Online-Arena eine Maske aufzusetzen:

Andreas Maurer im Gespräch mit  Daniela Chana und Tobias Sckaer aus dem Gastkuratoren-Team, Foto: Peter Kuffner

Andreas Maurer im Gespräch mit Daniela Chana und Tobias Sckaer aus dem Gastkuratoren-Team, Foto: Peter Kuffner

Schnell den Namen geändert, das Erscheinungsbild/Profilbild bearbeitet und ein paar Highlights gepostet  und schon bin ich online jener Mensch, der ich im wirklichen Leben vielleicht gerne sein möchte. Und noch besser: als Schöpfer einer eigenen Welt, kann ich dort sogar ein wenig Herrscher, Gott spielen.

 

Im Fall der LIKE IT! Ausstellung griff der LikeButton  ebenso als verlängerter Arm von der Wirklichkeit in die Netzwelt und transformierte dort zum Machtinstrument:

 

Von zu Hause aus konnte über den Lebensweg einer Künstlerin/eines Künstlers direkt oder indirekt mitentschieden werden – like ich, hat sie/er die Möglichkeit ausgestellt zu werden – vielleicht berühmt, reich zu werden. Ohne direkte Beziehung zu KünstlerIn oder Kunstwerk konnte man hier selbst einmal Sonnenkönig sein, endlich sass man selbst einmal am Drücker bzw. am Button.

 

Als Gladiatoren traten bei diesem Spiel die KünstlerInnen vor die Gunst des Mächtigen, der in besagtem Falle jeder von uns sein konnte – einmal mehr wurde die virtuelle Spielfläche zum Schauplatz des realen Lebens.

 

Kann es ein stummer Aufschrei sein, dass jenes Bild mit den meisten Likes eine Art Gladiatorin zeigt, die sich anscheinend auf den Kampf in der/einer Arena vorbereitet?

 

Die blaue Maske von Facebook macht uns alle gleich und auch jeden im selben Masse extrem angreifbar und abhängig– like und du wirst geliked….umso mehr ich like umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass meine Postings zurückgeliked werden. (Wie beflügelnd wenn man auf sein Geburtstagsposting  300 Likes erhält – wie niederschmetternd, wenn es nur 3 sind..) Der Kreislauf der Likes scheint endlos.

 

Ziel der LIKE IT! Ausstellung soll aber nicht sein Facebook an den Pranger zu stellen, vielmehr wird die aktuelle Frage aufgeworfen wie viel virtuelle Realität und Durchleuchtung unser eigenes Leben verträgt um noch als ein solches gelten zu können. Gibt es Privatsphäre überhaupt noch, oder sind wir alle schon freiwillig zu unfreiwillige Exhibitionisten geworden?

 

Die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zerrinnt immer mehr und in diesem Kontext  kann das ambivalente Gemälde Jagiczas als Denkanstoss wie auch als Warnung gesehen werden.

 

Vielleicht sind wir schon längst in einer futuristischen Welt gelandet in welcher wir einerseits in dem von uns geschaffenen Nicht-Ich existieren und von jedem beobachtet werden und gleichzeitig ausserhalb als Beobachter und Akteur der realen Bühne fungieren.  Unsere anfangs befreiende Maske wird so mehr und mehr zum schützenden Überlebenswerkzeug. Der Strudel des Fortschritts zieht uns immer mehr in den Bildschirm hinein, sozusagen in eine Platon`sche Höhle in der Höhle.

 

Die Ausstellung stellt dem Besucher viele Fragen, doch die vielleicht bedeutendste ist, wie weit die Nicht-Reale Welt schon in unsere Reale hineingewachsen ist, oder diese partiell sogar verdrängt hat – ist Facebook bereits realer als die Wirklichkeit?!

 

Vielleicht müssen wir wirklich eines Tages für uns selbst die fundamentale Entscheidung eines Entweder: Oder treffen, nämlich ob wir unser virtuelles Nicht-Ich mehr liken als uns selbst…

 

Andreas Maurer

#askacurator Tag auf Twitter – wir waren dabei!

23/09/2013
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Am 18.09. nahm das Essl Museum zum ersten Mal am #askacurator Tag auf Twitter teil. Aus beinahe 600 Museen aller Sparten weltweit zwitscherten Kuratoren über ihren Beruf und ihre Berufung. Andreas Hoffer, Kurator des Essl Museums, war mit Begeisterung dabei und löste spannende Diskussion aus.

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