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Sammlungskünstlerin Esther Stocker auf Schloss Kastelbell

24/04/2014

(13.04. – 09.06.2014)
von Günther Oberhollenzer

Auf Schloss Kastelbell in Südtirol findet derzeit eine sehenswerte Ausstellung der Künstlerin Esther Stocker statt. Stocker ist in der Sammlung Essl mit einer Reihe von Werken vertreten, 2007 gestaltete sie im Rahmen der Ausstellung >Passion for Art< das Stiegenhaus des Essl Museums mit ihren unverwechselbaren Schwarz-Weiß Rastern. Das Schloss Kastelbell stellte eine besondere Herausforderung für die Künstlerin dar, bespielte sie doch mit Ihrer sehr reduzierten Bildsprache eine mittelalterliche Burg. Bei der Vorbereitung und der Umsetzung dieser sehr außergewöhnlichen Ausstellung durfte ich die Künstlerin begleiten und unterstützen.

 

Innenhof von Schloss Kastelbell mit einer Installation von Esther Stocker (Foto: Günther Oberhollenzer)

Innenhof von Schloss Kastelbell mit einer Installation von Esther Stocker (Foto: Günther Oberhollenzer)

 

Esther Stocker stammt aus Südtirol und hat in Wien, Mailand und Pasadena, Kalifornien studiert. Derzeit lebt und arbeitet sie vor allem in Wien. Stocker gilt als eine der international erfolgreichsten Künstlerinnen Südtirols. Seit Ende der 1990er Jahre hat sie zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen in Österreich und international bestritten, wobei sie immer wieder auch aufwändige Installationen und beeindruckende künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum geschaffen hat.
Die Ausstellung auf Schloss Kastelbell entstand in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin, Esther Stocker gelingt dabei ein spannungsreicher und auch unsere Wahrnehmung herausfordernder Kontrast wie auch Dialog zwischen den alten Gemäuern und ihren minimalistisch klaren Objekten, abstrakten Mustern und Formen. Zwei Installationen entstanden eigens für die Ausstellung: den Innenhof bespielt Stocker mit massiven Göflaner Marmorblöcken und einen Ausstellungsraum verändert sie nachhaltig mit schwarzen Balken, Dreiecken und Kreisen. Daneben sind in den verschiedenen Räumen zahlreiche Fotografien, malerische Werke und Objekte der letzten Jahre zu sehen.

 

v.l.n.r.: Günther Oberhollenzer, Esther Stocker, Kulturlandesrat Philipp Achammer, Bürgermeister Gustav Tappeiner, Georg Wielander vom Kuratorium Schloss Kastelbell (Foto: Eva Böhm)

v.l.n.r.: Günther Oberhollenzer, Esther Stocker, Kulturlandesrat Philipp Achammer, Bürgermeister Gustav Tappeiner, Georg Wielander vom Kuratorium Schloss Kastelbell
(Foto: Eva Böhm)

 

Bereits früh herrschte in Esther Stockers Kunst das geometrische Motiv des Rasters vor, ebenso wie eine auf Schwarz, Weiß und Grautöne reduzierte Farbpalette. Ein zentrales Thema ist die „Darstellung eines funktionalen Systems des Ungefähren, die Vagheit exakter Formen“. Stocker beschäftigt sich mit der Frage nach der Wahrnehmung von Struktur und Raum. Die Dekonstruktion exakter Formen ist für sie Ausgangspunkt der Malereien, Fotoarbeiten, Rauminstallationen und Interventionen an Fassaden. Ihre Arbeiten entwickelt sie als System geometrischer Zeichen- und Rastersysteme in Schwarz-Weiß-Grau. Diese erweitert sie auch in die dritte Dimension und verändert durch künstlerische Eingriffe Raum und Architektur, wobei Störungen und optische Brüche einen wichtigen Bestandteil bilden. „Das Raster oder die Ordnung brauche ich“, so die Künstlerin, „um überhaupt erst eine Abweichung davon beschreiben zu können. Systemlosigkeit lässt sich nur durch Systeme beschreiben, sie ist Teil des Systems. Hinter einem Chaos ist immer auch eine Art Ordnung.“ Die Störungen und Brüche sind oft minimal und verursachen verschobene vage Wahrnehmungsereignisse, die das Betrachten dieser scheinbaren Präzision wiederholt einfordern. So erzeugt die Künstlerin dynamische Bildräume, die ihr vermeintlich klares Ordnungsmuster verlieren.

 

O.T., Installation, 2014 (Foto: Cornelia Kupa)

O.T., Installation, 2014
(Foto: Cornelia Kupa)

O.T., 2013 (Foto: Günther Oberhollenzer)

O.T., 2013
(Foto: Günther Oberhollenzer)

 

Sehr überraschend sind auch die neuen Raumobjekte: Stocker bemalt riesige Papierbögen mit verschiedenen, durchaus typischen, geometrisch schwarz-weißen Mustern und verwandelt sie durch Zerknittern und Falten in Objekte, die man mit Papierknäuel wohl am treffendsten beschreibt. Im Alltag zerknittert man Papier, um Geschriebenes unleserlich zu machen, übertragen auf ihre Arbeit, geht es hier um das bewusste Stören oder Löschen von Informationen. Der gesamte Raum wird gekrümmt, gebogen; es entstehen Störungen und Fehler, die nicht mehr behoben werden können.

 

O.T., Installation, 2014 (Foto: Günther Oberhollenzer)

O.T., Installation, 2014
(Foto: Günther Oberhollenzer)

 

Esther Stocker arbeitet in unterschiedlichen Medien, dennoch bezeichnet sie sich – auch bei den Installationen – als Malerin. Der dreidimensionale Raum wird wie ein Bildraum behandelt, sie überträgt das gedankliche Erlebnis, in ein Bild hineinzugehen und darin herumzuwandern in den realen Raum. Beim Durchschreiten der Installation steht der Betrachter mitten im Bild und kann durch Bewegung ganz unterschiedliche Blickwinkel einnehmen und den Raum immer wieder neu erfahren. Dadurch vollendet er erst das Werk, so die Künstlerin.

Günther Oberhollenzer

Karlheinz Essl über seine Ausstellung >made in austria<: Teil 2: Rainer und Lassnig, Prachensky, Mikl, Hollegha und Brandl und Scheibl

22/04/2014

In einer Blog-Serie stellt Sammler und Kurator Karlheinz Essl seine Ausstellung >made in austria< vor. Diesmal: Maria Lassnig und Arnulf Rainer, Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha und Herbert Brandl und Hubert Scheibl

Zweiter Galerieraum: Maria Lassnig und Arnulf Rainer

Maria Lassnig und Arnulf Rainer sind auf den ersten Blick zwei sehr entgegen gesetzte Künstlerpersönlichkeiten. Sie waren eng miteinander befreundet und am Anfang ihres Schaffens lebten sie eine Zeitlang in Paris. Dann trennten sich ihre Wege.

Lassnig ging später nach Amerika und war lange Zeit in Österreich nicht präsent. In den USA malte sie relativ wenig und beschäftigte sich eher mit dem experimentellen Film. 1980 wurde sie als erste weibliche Professorin an die Universität für Angewandte Kunst nach Wien berufen. Lassnig wurde damit wieder in Wien und Österreich als Künstlerin wahrgenommen und sorgte mit ihrer Malerei für Aufsehen. Seit diesem Zeitpunkt haben wir sie gesammelt. Deshalb zeige ich Werke genau aus diesen Jahren. Stark beeinflusst von der eigenen Biografie malt Lassnig meist ihren Körper und ihre Gefühle.

“Ich trete gleichsam nackt vor die Leinwand, ohne Absicht, ohne Planung, ohne Modell, ohne Fotografie, und lasse entstehen. Doch habe ich einen Ausgangspunkt, der aus der Erkenntnis entstand, dass das einzig wirklich Reale meine Gefühle sind, die sich innerhalb des Körpergehäuses abspielen: physiologischer Natur, Druckgefühl beim Sitzen und Liegen, Spannungs- und räumliche Ausdehnungsgefühle – ziemlich schwierig darstellbare Dinge.” Maria Lassnig

In einem mutigen Akt der Selbstdarstellung und Entblößung bringt sie körperliche wie psychische Befindlichkeiten zum Ausdruck, dabei zeigt sie uns schonungslos ihre Sehnsüchte, besonders auch ihre Ängste und ihr Leiden. Lassnigs Malerei ist figurativ aber nicht naturalistisch, eine Darstellung in Formen, die sich sehr oft vom menschlichen Körper lösen und seltsame Tierwesen oder Maschinenmenschen zum Vorschein bringen. Wir Menschen wollen uns meist von der schönen Seite zeigen und das, was uns bewegt, verbergen. Lassnig hingegen kehrt das Innerste nach außen, insbesondere ihr Leiden und ihren Schmerz.

Auch Arnulf Rainer entblößt sich, wenn er sein eigenes Antlitz fotografisch festhält. Rainer will mit seinen „Automatenfotos“ kein schönes Passbild von sich machen, sondern schneidet hässliche Grimassen, ähnlich wie es Franz Xaver Messerschmidt bei seinen Charakterköpfen gemacht hat. Rainer präsentiert ein fratzenartiges Gesicht und wirft als kritischer Geist einen sehr skeptischen Blick auf sich selbst aber auch auf die Gesellschaft und die Welt. Durch die malerische Bearbeitung wird dieser Ausdruck noch verstärkt. Die Übermalungen können dabei als Verstärkung der Grimassen, aber auch als Auslöschung und Vernichtung des Bildes und der Persönlichkeit gesehen werden.

“Ich sehe bei einem Bild sofort immer nur die schlechten Stellen, zumindest, wenn ich für das Objekt Sympathie empfinde… Diese, die schwachen Stellen zu vertuschen, eine nach der anderen so lange zu verdecken, bis ich nichts mehr sehe, hat mich zu den Übermalungen geführt. Also Liebe und Vervollkommnungsdrang. Ich wollte noch schönere Kunstwerke daraus machen.” Arnulf Rainer

Diese „Face Farces“ werden mit Lassnigs malerischen Selbstentäußerungen in einen Dialog gesetzt. Daneben zeige ich einige sorgsam ausgesuchte Werke aus Rainers Frühzeit: Mit der Zentralisation und insbesondere den frühen schwarzen Übermalungen hat er sich in die internationale Kunstgeschichte der Nachkriegszeit eingeschrieben. Eine seiner wichtigsten Werkphasen sind auch die Fingermalereien. Rainer ist hier in seinem Element, in seiner ganzen jugendlichen Kraft, in seiner künstlerischen Vorstellung kämpft er mit dem Bild, zerstört es oder erschafft etwas ganz Neues.

 

Dritter Galerieraum: Wolfgang Hollegha, Josef Mikl, Markus Prachensky, sowie Herbert Brandl und Hubert Scheibl

Dieser Raum lebt von der Gegenüberstellung zweier Künstlergenerationen. Auf der einer Seite die abstrakten Maler der Nachkriegszeit, Markus Prachensky, Josef Mikl, Wolfgang Hollegha, auf der anderen Seite zwei Vertreter der „Neuen Wilden“ aus den 1980er-Jahren, Herbert Brandl und Hubert Scheibl. Wie hat die nächste Künstlergeneration, also die Schüler von den Lehrern, gelernt? Inwieweit haben sie sich eigenständig entwickelt? Alle fünf Künstler arbeiten abstrakt, wobei Prachensky, Mikl und Hollegha meist noch den Gegenstand zum Ausgangspunkt haben und diesen in einem nächsten Schritt in die reine Abstraktion führen. In der Auswahl zeige ich nur Arbeiten, in denen das Figurative nicht mehr sichtbar ist. Auch bei Brandl und Scheibl konzentriere ich mich auf abstrakte, vergeistigte Werke, bei denen es keinen direkten realen Bezug mehr gibt.

Die Künstler der Gruppe „St. Stephan“ rund um Monsignore Otto Mauer (ich habe bewusst auf Arnulf Rainer in diesem Raum verzichtet, da er sich künstlerisch in eine andere Richtung entwickelt hat) gehören zu den ersten, die in Österreich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs abstrakt gemalt haben. Sie werden zu den wichtigsten Gestaltern der Nachkriegsavantgarde und bestimmten fast ein Jahrzehnt lang in Absprache mit Otto Mauer wesentlich das Programm und die Ausrichtung der Galerie.

Wolfgang Holleghas farbintensive malerische Formfindung geht immer vom realen Gegenstand aus, der sich dann aber zugunsten der Abstraktion vollkommen auflöst. Es handelt sich um ein Herauslösen einer Form, die für die Ganzheit des Gegenstandes nicht mehr bedeutsam ist. Ein besonderes Kennzeichen der Werke Holleghas ist der dünne Farbauftrag.

“Ich transportiere sogar Novopanplatten in den Wald, damit ich vor Ort zeichen kann.” Wolfgang Hollegha

Im Werk von Josef Mikl ist das bestimmende Thema der Körper. In seinem abstrakten Realismus geht er oft von Körperteilen, speziell von Gelenken, aus und nimmt diese als Grundlage für seine Umsetzung in Malerei. Die Form des Gegenstandes kann dann bis zur Unkenntlichkeit zurück treten, auf sie verweist oft nur mehr der Bildtitel. In Studienblättern und Zeichnungen ist die Auseinandersetzung mit der Körperlichkeit der Figur jedoch deutlich nachzuvollziehen.

Markus Prachensky entwickelt eine unverwechselbare, am internationalen Informel orientierte, expressive Malweise. Die Farbe Rot und tektonische Elemente sind wesentliche Bestandteile seiner gestisch abstrakten Bilder. Prachensky ist ein reisender Künstler, er malt zyklische Bildfolgen, inspiriert und benannt nach den Orten der Entstehung oder der Erinnerung.

“Rot ist die Farbe meines Lebens.” Markus Prachensky

In Österreich machte Anfang der 1980er-Jahre eine junge Künstlergeneration auf sich aufmerksam, die als „Neue Wilde“ bekannt wurde. Mit frechen, subversiven, gestisch gemalten Bildern setzten sie sich dem Zeitgeist von Minimal Art, Konzept Kunst und Landart entgegen. Die damals wieder verstärkte Hinwendung zur Malerei war ein internationales Phänomen. Die „Jungen Wilden“ in Deutschland oder auch die „Transavantguardia“ in Italien können hier als Beispiele angeführt werden. Siegfried Anzinger, Erwin Bohatsch, Herbert Brandl, Gunter Damisch, Alois Mosbacher, Hubert Scheibl, Hubert Schmalix, Otto Zitko, um nur einige zu nennen, ging es darum, die Malerei als solche, losgelöst von konzeptuellen Ideen, wieder zum Ausgangspunkt künstlerischen Schaffens zu machen. Dabei war es unerheblich, ob sich die einzelnen Künstler der figurativen oder der abstrakten Richtung zugehörig fühlten. Ihnen ging es darum, die künstlerische Vorstellungskraft in Malerei mit immer wieder neuen Inhalten umzusetzen.

Als ich das erste Mal die Bilder von Herbert Brandl sah, war ich fasziniert von der Ausdruckskraft, ja Spiritualität seiner Bilder. Die in der frühen Schaffensphase bewegt expressiven Bilder fanden später in subtil gemalten Werken, die kosmisch-spirituelle Landschaften erahnen lassen, ihre Fortsetzung. Brandl gehört zu jenen Künstlern, die stets das Experiment wagen und sich neuen Herausforderungen stellen. Die jüngere Entwicklung, aus der reinen Abstraktion eine neue Form von Berglandschaften zu entwickeln, empfinde ich als mutigen Schritt, der nicht nur mit der Leidenschaft des Künstlers für das Erklimmen hoher Bergmassive zu erklären ist. Ich verzichte hier aber bewusst auf diese späteren, sehr an die Natur angelehnten Bilder und konzentriere mich auf seine frühen, abstrakten Arbeiten.

“Man kann sich schon fragen, was macht diese Landschaft heute da, ohne Autobahn, ohne Menschen, ohne Zivilisation. Das ist ja keine reale Landschaft. Es ist auch keine ideale Landschaft. Es ist eine Landschaft aus Farben, die aus dem Pinsel rinnt.” Herbert Brandl

Hubert Scheibls in vielen Schichten aufgetragenen, abstrakten Bilder bestechen durch ihre Farbigkeit, Dichte und Intensität. Das Farbspektrum reicht von kühlen Weiß- und Blau-Tönen bis hin zu explosiver Farbigkeit in Rot-, Orange- und Violett-Tönen. Es sind zutiefst meditative Bilder, in denen Raum und Zeit völlig aufgelöst erscheinen. Die Malereien Scheibls laden zur kontemplativen Betrachtung ein und verschaffen ungewöhnliche, immer wieder neue Seherfahrungen.

Führungen jeden Sonntag um 15.00 Uhr.

Kuratorenführung: Am Mi, den 11.06. führt Karlheinz Essl durch seine Ausstellung.

Die Ausstellung >made in austria< ist noch bis 24.08. im Essl Museum zu sehen.

 

Alexander Peer stellt “Bis dass der Tod uns meidet” im Essl Museum vor

22/04/2014

Am Mittwoch 23. April (19 Uhr, Eintritt frei!) liest Alexander Peer im Essl Museum aus seinem aktuellen Roman „Bis dass der Tod uns meidet“. Der Autor lässt in seinem Werk den Philosophen Friedrich Nietzsche als imaginären Freund auftreten. Der Roman erweist als Panoptikum einer Fülle von Anspielungen, Verweisen und unterschwelligen Bezügen. In einem kurzen Interview erzählt er, wie er sich durch Kunst inspirieren lässt und was für eine Ausstellung er machen würde, wäre er Kurator im Essl Museum.

Erwin Uhrmann: Spielt zeitgenössische Kunst beim Schreiben für Dich eine Rolle?

Alexander Peer: Es gab in den letzten Jahren massive intellektuelle und emotionale Beeinflussungen seitens der bildenden Kunst … allerdings nicht unbedingt durch die zeitgenössische. Insbesondere Caravaggio hat mich wiederholt zum Betrachten und konsequenterweise Staunen oder innigem Versunkensein verführt. Ich war einmal einen Monat in Rom und sah dabei fast täglich den Matthäus-Zyklus in der Contarelli-Kapelle, es war ein Ritual wie das Holen von frischem Gepäck am Morgen. Von zeitgenössischer Kunst spielen am ehesten die Begegnungen mit zu Freunden gewordenen Künstlerinnen und Künstlern eine maßgebliche Rolle – soeben habe ich in Leipzig Patrick Fauck besucht und mir das wunderbare Druckmuseum vorstellen lassen. Druckgrafik – Lichtdruck, Lithographie usw. Sehr aufschlussreich und in doppeltem Sinn “einprägsam”!

Alexander Peer (Foto: Wolfgang D. Muik, www.muwo.at)

Alexander Peer (Foto: Wolfgang D. Muik)

Erwin Uhrmann: An welchem Ort im Essl Museum möchtest Du am Mittwoch lesen? Welche Werke siehst Du, wenn Du an Dein Buch denkst?

Alexander Peer: Da ich leider die aktuellen Objekte nicht vollzählig vor meinem inneren Auge abbilden kann, denke ich am ehesten an die Sengl-Installation “Die letzten Tage der Menschheit”. Zum einen ist mir der Ausgangstext vertraut und ruft Erinnerung wach, zum anderen ist die Wahl von präparierten Ratten grundsätzlich allegorisch geradezu vorbildlich und weckt ein vielstimmiges Gefühlspektrum: Ich empfand beim Betrachten Beklemmung, Erheiterung und eine gewisse moralische Irritation, etwa eine Mahnung, außerdem bin ich von der handwerklichen Präzision fasziniert.

Erwin Uhrmann: Wenn Du eine Ausstellung im Essl Museum kuratieren würdest, welchen Titel hätte diese?

Alexander Peer: Beflecktes Verhängnis – Autodafé, Ausschuss, Ablenkung. Den Titel kann man natürlich für viele Ausstellungskonzeptionen in Betracht ziehen.

Erwin Uhrmann: Und was würde da zu sehen sein?

Alexander Peer: Darüber können wir uns gerne ernsthaft unterhalten: Das würde ich gerne einmal in einem Museum sehen, zerknüllte Zettel, durchgestrichene Notizen, Prokrastinations- Gegenstände (ich würde etwa meine Gitarre einbringen, auf der ich immer wieder zupfe zwischendurch, von einem Satz zum nächsten), bemalte Büchlein von Autorinnen und Autoren, Ausschussware beim Schreiben, die den Prozess des Schreibens maßgeblich vermittelt. Es wäre auch spannend hier einen historischen Vergleich zu unternehmen und gewissermaßen Unterschiede herauszuarbeiten, so es denn welche gibt. Diese Idee muss natürlich ausgegoren sein, dafür bräuchte es mehr Diskussion und Reflexion.

Buchcover "Bis dass der Tod uns meidet"

Buchcover “Bis dass der Tod uns meidet”

 

Karlheinz Essl über seine Ausstellung “made in austria” – Teil 1: Hundertwasser und Weiler

10/04/2014

In einer Blog-Serie stellt Sammler und Kurator Karlheinz Essl seine Ausstellung >made in austria< vor. Diesmal: Hundertwasser und Weiler

Mit der zentralen Ausstellung des Jahresschwerpunktes „made in Austria“ möchte ich als Sammler und Museumsdirektor ein leidenschaftliches Statement für die österreichische Kunst abgeben. Nach langen Überlegungen und auch im Wissen um meine Verantwortung habe ich eine Künstler- und Werkauswahl getroffen. Für mich repräsentiert sie die Bedeutung der einflussreichen österreichischen Künstler unserer Zeit. Mir ist durchaus bewusst, dass meine Auswahl auch auf Kritik stoßen kann. Es handelt sich um meinen persönlichen Blick auf das Kunstgeschehen – eine subjektive Zusammenstellung, die keinen kunsthistorischen Anspruch erhebt. Die Ausstellung zeigt meinen Blick in die Sammlung, meine Sicht auf die österreichische Kunstgeschichte nach 1945. Ich zeige jene Schwergewichte, die ihre Spuren deutlich in der österreichischen aber auch in der internationalen Kunstwelt hinterlassen und das weltweite Kunstgeschehen beeinflusst haben. Dafür habe ich siebzehn Künstlerinnen und Künstler mit bedeutenden Werken aus unserer Sammlung ausgewählt.

Aus der Vielzahl der Möglichkeiten eine Auswahl zu treffen, war eine große Herausforderung. Allein die Ausstellungsräume machen eine Beschränkung notwendig, zusätzlich sollte die Ausstellung nicht beliebig sein. Deshalb habe ich mich bewusst auf relativ wenige Künstlerinnen und Künstler beschränkt, auch damit jede künstlerische Position mit einer Reihe von wesentlichen Werken in ihrer Bedeutung wahrgenommen werden kann und die einzelnen Kunstwerke viel Raum für die Betrachtung haben. In der Werkauswahl verfolge ich keinen retrospektiven Ansatz, sondern lege großen Wert auf eine Konzentration auf einige wichtige Werkgruppen. Das heißt aber nicht, dass nur die hier gezeigten Künstlerinnen und Künstler für mich wichtig sind. Ganz im Gegenteil. Meine Frau und ich schätzen alle Künstlerinnen und Künstler in unserer Sammlung. Durch das Jahresprogramm „made in austria“ gibt es neben dieser Ausstellung eine Reihe weiterer Möglichkeiten, Sammlungskünstler in ganz unterschiedlichen Kontexten wiederzusehen.

Erster Galerieraum – Friedensreich Hundertwasser und Max Weiler

Es wird vermutlich viele wundern, Friedensreich Hundertwasser und Max Weiler zusammen in einem Raum zu sehen. Beide sind von mir hoch geschätzte Künstler, und beide haben die Natur als ihr künstlerisches Thema auserwählt.

Für Friedensreich Hundertwasser ist die Natur die existenzielle Grundlage seiner Kunst aber auch seines Lebens. Er war der erste Ökologe und auch ein Vorreiter der Grünenbewegung. Die Natur ist für ihn das Allumfassende. Hundertwasser hatte drei Wohnsitze: einen in der Normandie (einen großen Bauernhof, wo er dutzende Bäume gepflanzt hat), einen in Venedig (einen Palazzo mit Garten) und einen in der „Bay of Islands“ in Neuseeland (ein altes Farmgebäude mit 190 Hektar Grund, er hat dort 150.000 Bäume gepflanzt). Er lehnt die gerade Linie ab, da es sie in der Natur nicht gibt. Deshalb prägen organische, vegetative Formen, der Kreis und insbesondere die Spirale, seine Kunst.

“Die gerade Linie führt zum Untergang der Menschheit. Die Spirale ist das Symbol des Lebens und des Todes. Die Spirale liegt genau dort, wo die leblose Materie sich in Leben umwandelt.” Friedensreich Hundertwasser

Als sinnstiftendes Element des Lebens symbolisiert sie das Dasein und Vergehen, das Werden und Entstehen. Ein weiteres wesentliches Element seiner Kunst ist das Wasser. Hundertwasser liebt den Regen und entwirft 1972 die „Regentage-Mappe“, eines der ersten Kunstwerke, das meine Frau und ich angekauft haben. Neben seiner Malerei hinterlässt der Künstler auch ein umfangreiches architektonisches Werk, wofür ihm ebenfalls die Natur als Ausgangspunkt diente. Ich schätze seine Arbeiten vor allem bis Anfang der 1960er-Jahre und bis dahin haben wir sie auch gesammelt.

Den Werken von Hundertwasser aus den 1950er- und 60er-Jahren stehen Arbeiten von Max Weiler aus der selben Zeit gegenüber. Leben und Werk Weilers sind in einem untrennbaren Zusammenhang zu sehen, sie spiegeln die spirituelle, geistige und philosophische Haltung des Künstlers wider. Weiler war stets ein unangepasster, revolutionärer Künstler – eine eigene, unverwechselbare Position in der österreichischen Kunst des 20. Jahrhunderts, die keiner der gängigen Stilrichtungen zuzuordnen ist. Der Künstler sieht – geprägt durch die katholische Neulandbewegung in den 1930er-Jahren, besonders aber auch durch die altchinesische Landschaftsmalerei, speziell aus der Periode der Sung-Dynastie (960–1279) – das Spirituelle in der Natur, er führt die kontemplative Versenkung in die Schöpfung über in eine gegenstandslose Malerei.

“Diese Bilder sind ganz künstliche Landschaften, künstliche Formen, die Natur suggerieren sollen. Erfindungen meiner eigenen Landschaften. Erfundene Formen neuerer Naturen in schönen Faren. Gebilder der Phantasie, Andenken an Formen der Wirklichkeit.” Max Weiler

In Malereien der 1950er-Jahre abstrahiert Weiler Naturformen immer mehr, in der wegweisenden Werkserie „Wie eine Landschaft“ der 60er-Jahre nimmt er Probierpapiere als Vorlage für seine großformatigen vergeistigten Landschaftsmalereien. Diese Werkserie stellt einen zentralen Wende- und Höhepunkt in seinem künstlerischen Schaffen dar. Die spirituelle Landschaftsbetrachtung Weilers tritt damit in einen spannungsvollen Dialog mit den vegetativen Naturformen Hundertwassers.

Führungstipp: Am Sa, den 12.04. um 16.00 Uhr und am Mi, den 11.06. um 19.00 Uhr führt Sammler Karlheinz Essl durch seine Ausstellung. Die Führung ist kostenlos. Um Anmeldung wird gebeten: 02243 / 370 50 150.

Die Ausstellung >made in austria< ist noch bis 24.08. im Essl Museum zu sehen.

Literarische Diversitäten

20/03/2014

Im Gespräch mit den Autoren Kurt Mitterndorfer und Herbert Christian Stöger

Am 26. März (19 Uhr, Eintritt frei!) werden die beiden Autoren Kurt Mitterndorfer und Herbert Christian Stöger im Rahmen des Literaturprogramms im Essl Museum aus ihren Werken lesen. Der Abend trägt den Titel „Diversitäten“. Kurt Mitterndorfer liest Prosa, Herbert Christian Stöger liest Lyrik und Prosa. Kurt Mitterndorfers erzählende, realistische Texte stellen Menschen in den Mittelpunkt, Herbert Christian Stöger konstruiert Texte, häufig unter Verwendung von Material aus Lexika. Beide Autoren stammen aus Linz.
In einem kurzen Interview erzählen die beiden Autoren, wie Kunst und Literatur für sie zusammenhängen und welche Ausstellungen sie gerne selbst im Essl Museum verwirklichen würden.

Der Autor Kurt Mitterndorfer liest Prosa im Essl Museum.

Der Autor Kurt Mitterndorfer liest Prosa im Essl Museum.

Erwin Uhrmann: Spielt zeitgenössische Kunst beim Schreiben für Dich eine Rolle?Herbert Christian Stöger: Kunst spielt insofern eine Rolle in meinem Schreiben, da ich selbst bildender Künstler bin und in meinen Videos oder anderen künstlerischen Arbeiten Texte ein wesentlicher Bestandteil sind.

Kurt Mitterndorfer: Nein, ich beziehe mich in meiner Schreibarbeit bewusst auf keine zeitgenössischen “Inputs”. Die Ideen zu meinen Texten beziehe ich zwar meist direkt aus meiner Umwelt, aber sie entstehen nicht als Reaktion/Reflexion auf zeitgenössische Kunst. Umgekehrt aber beziehe ich des Öfteren meine Texte, zumindest Teile davon, in bildnerische Arbeiten ein.

Erwin Uhrmann: Derzeit zeigen wir im Essl Museum in 3 Ausstellungen Werke von insgesamt 41 österreichischen Künstlerinnen und Künstlern. Vor dem Werk welcher Künstlerin/welches Künstlers würdest Du am liebsten lesen?

Herbert Christian Stöger: Nun, das ist derzeit schwierig. Ich meine, der Ausstellung wegen vor den Arbeiten von Deborah Sengl, aber ob die Ratten für das Publikum so angenehm wären? Außerdem gibt es darin keinen Bezug zu meinen Texten. Am besten wäre wohl ein Bild von Max Weiler, wenn es ein großes Gemälde (Spätwerk) wäre.

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Herbert Christian Stöger liest Lyrik und Prosa.

Kurt Mitterndorfer: Maria Lassnig fasziniert mich ob ihrer Offenheit und Eindringlichkeit. Die ausgestellten Werke kenne ich allerdings nicht zur Gänze, kann deshalb heute die Frage nur teilweise beantworten. Am Tag der Lesung, nach meinem geplanten Rundgang durch die Ausstellung, kann ich es vielleicht.

Erwin Uhrmann: Wenn Du eine Ausstellung im Essl Museum machen würdest als Kurator/in, welchen Titel würdest Du ihr geben? Was würdest Du zeigen?

Kurt Mitterndorfer: Ich kann keinen Ausstellungstitel nennen zu einer Ausstellung, deren Inhalt ich nicht kenne. Mich interessiert der Mensch, ich würde also zum Beispiel alle Portraits aus der Sammlung für eine Ausstellung verwenden. Titel vielleicht: “Alles Mensch”

Herbert Christian Stöger: “Zerstörung durch Geld” wäre der Titel. Bei der Auswahl der Künstler würden wohl Videokünstler eine wesentliche Rolle spielen. In zweiter Hinsicht auch Installation und wohl Druckgraphik. Unbedingt dabei sein müßten Bill Viola und Julian Rosefeldt, sowie Raymond Pettibon und Muntean/Rosenblum, um auch zwei Künstler zu nennen, die ich auch schon im Essl Museum ausgestellt gesehen habe.

Die Lesung findet am in Zusammenarbeit mit der Grazer Autorinnen Autorenversammlung und der Literaturgesellschaft Klosterneuburg.

>die zukunft der malerei< – 3 Fragen an Günther Oberhollenzer, den Kurator der Ausstellung

18/02/2014

ImageWelche jungen malerischen Positionen gibt es in Österreich zu entdecken? Diese Frage stellt das Essl Museum heuer in der Ausstellung „die zukunft der malerei“ im Rahmen der Ausstellungsreihe „emerging artists“. Das Essl Museum versteht sich nicht nur als Ort für etablierte Künstlerinnen und Künstler, sondern auch als Experimentierfeld für junge, noch nicht stark im Kulturbetrieb sichtbare Kunst.

Barbara RoycBarbara Royc (Social Media Redaktion): Die Reihe >emerging artists< legt alle 2 Jahre einen  Fokus auf zu entdeckende Künstler und Künstlerinnen einer Region. Wie ist diese Ausstellungsreihe entstanden und was erwartet die Teilnehmer?

Günther Oberhollenzer Günther Oberhollenzer (Kurator): Als das Essl Museum 1999 eröffnet wurde, war es dem Sammlerehepaar Agnes und Karlheinz Essl ein besonderes Anliegen, einen Schwerpunkt des zukünftigen Ausstellungsprogramms der aktuellen jungen Kunstszene zu widmen. Die damalige künstlerische Leiterin Gabriele Bösch hat dafür ein stimmiges Konzept vorgelegt: Die Ausstellungsserie mit dem Titel >emerging artists< setzte sich zum Ziel, junge, aktuelle Kunst, in einem musealen Umfeld zu präsentieren. Als idealer Raum bot sich der „concrete cube“ im Sammlungsdepot an. Im Laufe von vier Jahren (2000-2003) wurden hier ca. 40 Einzelkünstlerpositionen präsentiert. Nach einjähriger Konzeptions- und Orientierungsphase wurde die Ausstellungsserie >emerging artists< 2005 in geänderter Form fortgesetzt. Statt Einzelpräsentationen fanden ab nun Gruppenausstellungen statt, die der noch nicht stark in der Öffentlichkeit sichtbaren Kunstszene gewidmet waren. Ab 2006 fand die Ausstellungsreihe alle zwei Jahre statt – alternierend mit dem >Essl Art Award CEE<.

Die erste, 2005 von Christine Humpl kuratierte Gruppenausstellung trug den Titel >hotspots< und gab Einblicke in aktuelle Kunstszenen aus Amsterdam, Berlin, London, Paris und Wien. 2006 richtete das Essl Museum den Blick auf die Schweiz (Kuratoren waren Daniela Balogh und Andreas Hoffer). 2008 stand mit >AUSTRIAconTEMPORARY< die österreichische Kunst im Focus, mit über 1000 Bewerbungen das bis dahin aufwändigste Projekt der Reihe (Kuratoren: Christine Humpl und ich als Kokurator), 2010 widmeten wir uns mit >India Awakens< der indischen Kunstszene (Kuratorin: Alka Pande) und 2012 schließlich mit >New. New York< junger Kunst aus dem Big Apple (Kurator: John Silvis).

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von >die zukunft der malerei< erwartet also ein Ausstellungsprojekt, das auf eine inzwischen fast 15-jährige Tradition zurückblickt. Wir planen rund 15 bis 20 künstlerische Positionen auszuwählen und diese in unserer Ausstellungshalle – begleitet von einem umfassenden Katalog – zu präsentieren. Ein so ambitionierte Ausstellungsprojekt für junge, noch nicht etablierte Kunstschaffende in einem Museum für Gegenwartskunst ist sehr ungewöhnlich, aber für uns ein klares Statement für die Zukunft einer Kunst, bei der noch alles offen ist – eine so notwendige Förderung, die in dieser Konsequenz in Österreich nur von diesem privat geführten Museum wahrgenommen wird.

B.R. : Diesmal steht die Ausstellung ganz im Zeichen österreichischer Malerei, sozusagen eine Österreich-Edition. Wer kann sich den bewerben?

G.O.: Bewerben können sich österreichische Künstlerinnen und Künstler bzw. solche, die in Österreich leben und arbeiten. Die österreichische Staatsbürgerschaft ist keine Voraussetzung, in diesem Fall muss aber der künstlerische Arbeitsschwerpunkt während der Bewerbungs- und Auswahlphase in Österreich liegen. Die Bewerbungszeit läuft bis Mitte April 2014. Im Sinne der >emerging artists< – Ausstellungsreihe sollen die Werke der Bewerberinnen und Bewerber noch nicht stark am Kunst- und Ausstellungsmarkt sichtbar sein. Ganz wichtig ist uns, dass es kein Alterslimit gibt, da wir die Meinung vertreten, dass man auch mit über 30 oder 35 Jahren noch spannende Kunst schaffen kann, die es wert ist, entdeckt zu werden.

Diese Mal haben wir uns entschieden, den Fokus auf die Malerei und Grafik zu setzen (dies schließt aber z.B. multimediale Erweiterungen dieser Medien oder mixed media – Arbeiten nicht aus). Das ermöglicht eine vertiefende Auseinandersetzung mit diesen „klassischen“ Medien der zeitgenössischen Kunst, und offen gesagt sind wir einfach auch neugierig, was gerade malerisch in der österreichischen Kunstszene momentan so passiert.

B.R.: Malerei wurde bereits 100 Mal totgesagt. Zuletzt beschäftigten sich aber zum Beispiel Tate Britan mit der Ausstellung „Painting Now: 5 Contemporary Artists“ und „curated by“ 2013 mit dem Zustand der Malerei. Was könnte die Zukunft der Malerei sein?

G.O.: Die Malerei ist so alt wie die Menschheit. Sie wird es immer geben, ist und bleibt sie doch eine der unmittelbarsten Ausdrucksformen künstlerischer Vorstellungskraft und Kreativität: Ein Pinsel. Eine Leinwand oder ein Blatt Papier. Das genügt. Und eine ganze Welt kann entstehen. Deshalb mache ich mir über die Zukunft der Malerei keine Sorgen.

Neugierig bin ich aber darauf, wie diese Zukunft aussehen wird. Ich hoffe und wünsche mir, dass wir von malerischen Positionen überrascht werden, das wir bei den geplanten Atelierbesuchen Kunstwerke entdecken, die uns sprachlos machen, die eine Malerei mit ganz neuen Facetten zeigen. Auch sind wir neugierig auf künstlerische Positionen, die dieses Medium kritisch hinterfragen oder ihre Grenzen ausloten. Aber es muss die Malerei nicht neu erfunden werden. Ein starkes Bild kann, egal ob figurativ oder abstrakt, in Öl oder Acryl, mit seiner malerischen Kraft uns nach wie vor begeistern und berühren, uns aufregen, zum Nachdenken anregen oder auch in Kontemplation versetzen. Ich freue mich jedenfalls auf die hoffentlich zahlreichen Bewerbungen!

Die wichtigsten Facts zur Bewerbung:

Zur Einreichung zugelassen sind Malerei und Grafik.

Der Bewerbungszeitraum ist von 15. Februar bis zum 15. April 2014.

Nur online-Bewerbungen werden akzeptiert!

Den detaillierte Leitfaden mit den Voraussetzungen für die Bewerbung finden Sie hier.

Bitte diese Angaben vor der Bewerbung genau durchlesen!

Hier geht es direkt zur online-Bewerbung: www.diezukunftdermalerei.org

Wal auf Reisen – Gabriel Orozco’s Dark Wave in Stockholm

12/02/2014

Von den 7.000 Kunstwerken der Sammlung Essl sind zahlreiche Werke immer wieder auf Reisen und werden an Museen und Galerien im In- und Ausland verliehen, um dort in wichtigen Ausstellungen gezeigt zu werden. Wir freuen uns, dass derzeit der „Dark Wave“ (2006), ein beeindruckendes Kunstwerk von Gabriele Orozco aus der Sammlung Essl, in der Personale „Gabriel  Orozco: Natural Motion“ (14. Februar 2014 bis 4. Mai 2014) im Moderne Museet, Stockholm zu sehen ist. Ein Blauwal, gefunden an der Südwestküste von Spanien, inspirierte Gabriele Orozco zu seiner imposanten, fast fünfzehn Meter langen Arbeit. Das aus Kunstharz wirklichkeitsgetreu nachgebildete Walskelett ist mit einem kunstvollen Graphitmuster aus sich überschneidenden Ringen und Kreisen überzogen und lässt zahlreiche Assoziationen an biblische Geschichten und mythologische Stoffe entstehen.

„Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.“ 1. Moses 1,21-23

Gabriel Orozco Dark Wave, 2006 © Gabriel Orozco, courtesy Essl Museum Fotonachweis: Elisabeth Hartmann, Archiv Sammlung Essl

Gabriel Orozco
Dark Wave, 2006
© Gabriel Orozco, courtesy Essl Museum
Fotonachweis: Elisabeth Hartmann, Archiv Sammlung Essl

Ein Blauwal, gefunden an der Südwestküste von Spanien, inspirierte Gabriele Orozco zu seiner imposanten, fast fünfzehn Meter lange Arbeit „Dark Wave“. Orozco arbeitet häufig mit gefundenen (Alltags-)Gegenständen und Situationen. Durch Modifizierung oder Veränderung des Kontextes schafft er neue, teils wunderbare, teils verstörende Arbeiten. Die Faszination des „Dark Wave“ liegt in der Transformation eines gefundenen Naturkunstwerkes in ein von Menschenhand gestaltetes Artefakt, das zahlreiche Assoziationen an biblische Geschichten und mythologische Stoffe lebendig werden lässt.

Das aus Kunstharz wirklichkeitsgetreu nachgebildete Walskelett ist mit einem kunstvollen Graphitmuster aus sich überschneidenden Ringen und Kreisen überzogen. Diese sind nicht zufällig, oberflächlich aufgetragene Dekorationen oder Tätowierungen sondern, so Orozco, als Reaktion auf die Topografie des Objektes entstanden und in Einklang mit dessen Struktur aufgetragen.

Beim Betrachten des Walskeletts ortete Orozco bestimmte „Energiepunkte“. Einige sind lebensentscheidende Punkte für die Bewegung und das Verhalten des lebenden Wals, wie zum Beispiel das Spritzloch auf der Schädeloberfläche, andere sind wichtige Felder für die Struktur und Dynamik des Walskeletts an sich, wie etwa der untere Rand des Schulterblattes. Orozco entschied, den Ort jeder dieser Punkte mit einem kleinen Kreis zu kennzeichnen. Konzentrische Kreise erweitern in der Folge den Ausgangskreis und betonen dessen Bedeutung.

Bei der Bemalung wurde jeder Energiepunkt mit einem schwarzen Graphitkreis markiert. Davon ausgehend wurden dünne weiße Ringe eingezeichnet, die den Blick direkt auf das Skelett frei lassen. Die großen Flächen zwischen den Ringen wurden mit Graphit ausgemalt.

Die Übertragung dieses Musters auf die gesamte Oberfläche des Wahlskelettes hat zur Folge, dass sich jede vom Zentrum entfernende Ringwelle mit zahlreichen Kreisen überschneidet, die von anderen Energiepunkten ausstrahlen. Nicht eine Gruppe von klar ausgeprägten Ringen ist erkennbar, sondern vielmehr eine Serie von unterbrochenen und sich unterbrechenden Bändern. Jeweils von Standort des Betrachters abhängig ist das System von Orozcos Bemalung der Energiepunkte einmal einleuchtend, im nächsten Moment aber wieder schwer lesbar, einmal klar, dann aber auch wieder verwirrend. So werden Strukturen und Energiefelder des Walskeletts einerseits verstärkt andererseits aber auch verschleiert. Die Anziehungskraft des Kunstwerkes auf den Betrachter wird dadurch aber nur noch intensiviert.

Den Namen „Dark Wave“ entlehnt Orozco dabei aus der Musikwelt. Als „Dark Wave“ (engl. dark = „dunkel, trüb“, wave = „Welle“) wird eine Epoche der Musik und zugleich ein Oberbegriff für eine Reihe von Musikstilen bezeichnet, die sich in den 1980er Jahren zur Zeit der New-Wave-Bewegung entwickelt haben. Hinsichtlich ihrer klanglichen Umsetzung wird die „Dark Wave“-Musik als dunkel, und melancholisch, elegisch oder sehnsuchtsvoll wahrgenommen.

Ob Jonas und der Wal, das Meerungeheuer Leviathan oder natürlich Moby Dick – der wie ein Vogel in der Luft schwebende Wal lässt zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten zu.

(Text erstmals erschienen im Ausstellungskatalog “Passion for Art”, 2007).

Günther Oberhollenzer

Weiterführend: Biographie des Künstlers Gabriel Orozco auf der Website des Essl Museums

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