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Essl Art Award CEE 2013 – It’s that time again…

29/04/2013

Curators Johanna Langfelder and Viktoria Tomek are looking forward to the first nominee nights of the Essl Art Award CEE

Our enthusiasm for art and the great interest in the vibrant young art scene of Central / Southeast Europe make us leave behind our office in the beautiful ESSL MUSEUM to hit the road again. The first station of our journey Monday 13th is Ljubljana from where we will continue via Zagreb to Budapest and finish our first week’s itinerary in Bratislava. Together with Agnes Essl and the jury members we’re out to find the most outstanding young artists among the Nominees who were pre-selected in an online-voting by the jury in November/December 2012.

Martin Mrzljak (Winner ESSL ART AWARD CEE 2011, Croatia), Dance to…(Detail), 2010, Essl Private Collection, © the artist, photo: Siniša Uštulica

Martin Mrzljak (Winner ESSL ART AWARD CEE 2011, Croatia), Dance to…(Detail), 2010, Essl Private Collection, © the artist, photo: Siniša Uštulica

But yet we are not ready to go since the days before the Nominees’ Exhibitions of the Essl Art Award are usually the busiest: Final preparations have to be arranged and last minute changes to be considered before the team of the ESSL MUSEUM can travel South to meet the Jury for the opening night in Ljubljana.

Since the beginning of 2013 we have been in touch with 80 artists from 8 countries, which means a lot of work, questions and especially a lot of e-mail correspondence. It has been an intensive process but now we cannot wait anymore to get to see the artworks in the original and meet the artists.

Once arrived at the exhibition venue, the full jury group will come together to select the two award-winners directly on site. As appearance can be deceptive and art’s full potential is only revealed in the original, I’m sure we will experience some surprises!

We are prepared for heated discussions and constructive talks and are sure it definitely won’t be an easy decision to choose the two winners per country of the ESSL ART AWARD among the many great works.

We are looking forward to the first round of openings in Ljubljana, Zagreb, Budapest and Bratislava and will frequently keep you updated on the latest news and events on FB and in this blog.

Information: Essl Art Award CEE 2013 Folder (english) 

Where you can meet us and see young art from Central- and Southeastern Europe:

SLOVENIA, NOMINEES´ NIGHT, 13 May 2013

Museum of Contemporary Art Metelkova – MSUM, Maistrova 3, SI-1000 Ljubljana
Exhibition: May 13 – May 26, 2013
Nominees: Dan Adlešič, Anamari Hrup, Andrea Knezović, Eva Lucija Kozak, Gregor Maver, Ziva Petric, Matej Stupica, Sasa Sustar, Valérie Wolf Gang, Jure Zrimsek

 CROATIA, NOMINEES´ NIGHT, 14 May 2013

Muzej Suvremene Umjetnosti Zagreb (MSU), Avenija Dubrovnik 17, HR-10000 Zagreb
Exhibition: May 14 – June 02, 2013
Nominees: Vanja Babić, Anja Jelaska, Leona Kadijević, Ana Kovačić, Margareta Lekic, Mario Leko, Jelena Lovrec, Petra Mrša, Stjepan Šandrk, Marita Stanić

 HUNGARY, NOMINEES´ NIGHT, 16 May 2013

Hungarian House of Photography – in Mai Manó House, Nagymezõ utca 20, H-1065 Budapest-Terézváros
Exhibition: May 16 – June 09, 2013
Nominees: Bence Bálint, Gábor Kristóf, Kitti Gosztola, Olga Kocsi, Kund Kopacz, Bettina Nem, Máté Pacsika, Dora Pelczer, Kata Száraz, Dia Zékány

SLOVAKIA, NOMINEES´ NIGHT, 17 May 2013

Galéria MEDIUM, Hviezdoslavovo nám. 18, SK-814 37 Bratislava 1
Exhibition: May 17 – June 10, 2013
Artists: Janka Duchoňová, Dominik Hlinka, Jana Kapelová, Ján Kekeli, Marcel Mališ, Adam Šakový, Ivana Šáteková  , Denisa Slavova, Monika Stacho, Zuzana Žabková

SOME BACKGROUND INFORMATION ON THE ESSL ART AWARD

Supporting Art in Eight Countries of Central- and Southeastern Europe

Established by the Austrian art collectors Agnes and Karlheinz Essl and conferred in close co-operation with experts, museums and art academies, this award is dedicated to the discovery and support of talented art students in Bulgaria, Croatia, the Czech Republic, Hungary, Romania, Slovenia and Slovakia and also for the first time in Turkey. The award reflects the commitment of the Essl family to the support of young art and provides a significant stimulus to the European cultural sphere. Thus one main goal of the ESSL ART AWARD is to offer a broad and multi-layered insight into the young art scene of Central and South-Eastern Europe.  Initiated in 2005, the award is conferred every two years and bestowed for the fifth time in 2013.

Nominees’ Exhibitions in eight countries

From more than 500 entries by art students, an expert-jury of experienced art-specialists short-lists ten nominees in each country. At the so called Nominees’ Nights, taking place in May 2013 in a main city of each respective country, the jury selects the winners of the ESSL ART AWARD CEE 2013 directly on site. Two artists in every participating nation will receive the coveted ESSL ART AWARD CEE. Moreover the Wiener Städtische Versicherungsverein – VIG’s main shareholder – will award the “VIG Special Invitation” to one of the two winning artists in each country.

Winners’ Exhibition at the ESSL MUSEUM

From 06 Dec 2013 to 02 March 2014 the 16 selected winners of the ESSL ART AWARD CEE get the chance to take part in the >ESSL ART AWARD Exhibition / >Transceding Cultures <. In addition the eight winners of the VIG Special Invitation will showcase their work in an exhibition at the Ringturm-building in Vienna.

Josef Kleindienst zu Gast bei >MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR<…ein Bericht

28/02/2013

Die Schatten der Obstbäume jagten still vorbei. An der nächsten Haltestelle stieg Erwin aus. Er ging schnell die Dorfstraße entlang, bis er zum Gehöft kam, das lange sein Zuhause gewesen war. Seit einigen Monaten wohnte Erwin in der Stadt, wo er eine kleine Wohnung gemietet hatte. Er sei kein Kind mehr und es sei längst schon an der Zeit, dass er lerne selbstständig zu sein, hatte Ingrid, seine Schwester, ihm eines Tages mitgeteilt.

Mit diesen Worten eröffnet Josef Kleindienst seine aktuelle Erzählung Freifahrt, die soeben im Sonderzahl Verlag erschienen ist.

Josef Kleindienst liest, Martin Schnur lauscht.

Josef Kleindienst liest, Martin Schnur lauscht.

Am ersten Abend der Lesereihe >MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR< (27.02.2013) traf Josef Kleindienst auf den Künstler Martin Schnur in dessen Ausstellung >Vorspiegelung< im Großen Saal des Essl Museums. Nach der Lesung gab es eine Plauderviertelstunde, in der über Tragik und Humor, Bahnfahren und Beobachtungen gesprochen wurde. Hier ein Bericht.

Josef Kleindienst liest aus seiner Erzählung "Freifahrt".

Josef Kleindienst liest aus seiner Erzählung “Freifahrt”.

In Josef Kleindiensts Erzählung geht es um den jungen Mann Erwin, der in einem Dorf behütet aufgewachsen ist und nach dem Tod seiner Mutter auf das Betreiben seines Schwagers hin aus dem Elternhaus ausziehen musste. Er lebt in einer Kleinstadt, ist arbeitslos und hat so gut wie keine Idee, was er mit seinem Leben anfangen soll. Einmal die Woche fährt Erwin auf den Bauernhof der Eltern, wo ihn seine Schwester bekocht. Zum Geburtstag bekommt Erwin von seinem Vater eine Jahreskarte für das gesamte österreichische Streckennetz der ÖBB geschenkt. Der Vater will ihm damit die Jobsuche erleichtern, da er ja nun mobil ist. Anfangs über das Geschenk verärgert, beginnt der scheue und weltfremde Erwin schon bald zu reisen, allerdings nicht der Arbeitssuche wegen. Zum ersten Mal ist er in Innsbruck, Salzburg und Wien, er trifft jede Menge unterschiedlicher Menschen, wird bestohlen, von der Polizei aufgegriffen, verliebt sich in die Polin Agnieszka und lässt sich von Bahnhof zu Bahnhof treiben.

Im Gespräch nach der Lesung wurden eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen der Arbeit des Autors und jener des Künstlers entdeckt.

Martin Schnur und Josef Kleindienst im Gespräch nach der Lesung, moderiert von Erwin Uhrmann.

Martin Schnur und Josef Kleindienst im Gespräch nach der Lesung, moderiert von Erwin Uhrmann.

“Die Lektüre von Texten verschiedenster Gattungen bietet Schnur eine inspirierende Projektionsfläche, auf der plötzlich auch neue Bilder auftauchen können“, schrieb die Tageszeitung „Der Standard“ über Martin Schnur. Auch nach der Lesung von Kleindienst waren Schnur einige Szenen als Bilder besonders stark im Kopf geblieben, etwa das „Herumlungern“ auf Bahnhöfen und der Blick aus dem Zugfenster während der Fahrt, welchen er schon im Buchtrailer sehr schön gefunden hatte. Schnur selbst besitzt keinen Führerschein und ist gerne Bahnfahrer. Wie Kleindienst ist auch er in solchen Situationen ein ruhiger Beobachter von Menschen und Situationen, die inspirieren.

Kleindienst sammelte Ideen auf Zugfahrten, aus denen sich einzelne Szenen oder Bilder in der Erzählung ergaben. Auch Schnur verlässt das Atelier immer wieder, um zu seinen Bildern zu finden. Er schilderte  einen Bildfindungsprozess, als er gebrochenes Spiegelglas im Wald verschüttete (und nachher wieder entfernte), dort Fotos davon machte, angewiesen auf das jeweilige Tageslicht, und diese als Material für seine Malerei benutzte. In der Ausstellung >Vorspiegelung< sind mehrere dieser Arbeiten zu sehen.

Parallelen bei Bild- und Themenfindung zwischen Autor und Künstler. Martin Schnur erklärt, wie es zu seinen Bildern mit Spiegelscherben im Wald kam.
Ohne Titel, 2012, Foto: Daniela Beranek, © Martin Schnur

Besucher, Künstler und Autor plauderten ausgiebig in der Plauderviertelstunde.

Besucher, Künstler und Autor plauderten ausgiebig in der Plauderviertelstunde.

Sowohl Kleindienst als auch Schnur beschäftigen sich mit Randfiguren. In Martin Schnurs Bildern sind niemals Gruppen, immer nur einzelne Menschen zu sehen, und diese Menschen befinden sich zumeist in sehr einsamen, oft hermetischen und existenziell brüchigen Situationen. Josef Kleindiensts 2010 erschienenes Buch An dem Tag, als ich meine Friseuse küsste, sind viele Vögel gestorben beschäftigt sich ebenso mit einem Außenseiter wie seine Erzählung Freifahrt. Schnur und Kleindienst geht es in ihren Arbeiten um Selbstreflexion, sie geben große Einblicke in das Innenleben ihrer Figuren.

Der Große Saal des Essl Museums wurde erneut zur Literaturbühne.

Während der Lesung wurde oft gelacht, weil Kleindiensts Erzählung sich durch Ironie und Situationskomik auszeichnet. Der Literaturhaus-Rezensent Walter Wagner schreibt u.a. über Freifahrt:  „Aus einem Stoff, der geradezu prädestiniert für eine Tragödie scheint, hat Kleindienst einen überaus kurzweiligen Text gewoben, der den Leser bis zum Schluss bei Laune hält. Denn was zwischen dem Ein-, Aus- und Umsteigen unterwegs passiert, beschränkt sich nicht auf die ermüdende Aneinanderreihung von belanglosen Beobachtungen, sondern gerät durch Erwins situationskomisches ‚Talent‘ zur kabarettreifen Show, die außer dem arglosen Protagonisten sämtliche Beteiligten zum Lachen animiert.“

Martin Schnur spricht über die Bilder, die er in seinem Kopf hatte, als er Josef Kleindiensts Text hörte.

Martin Schnur spricht über die Bilder, die er in seinem Kopf hatte, als er Josef Kleindiensts Text hörte.

Für Josef Kleindienst als auch für Verleger Dieter Bandhauer ist das Buch eine Gratwanderung zwischen Tragik und Komik. Für den Autor ist vor allem die Unkenntnis jeglicher sozialer Codes das entscheidende Merkmal seines Protagonisten, woraus sich oft die Situationskomik ergibt.

Josef Kleindiensts Erzählung Freifahrt ist im Bookshop des Essl Museums sowie im Buchhandel um 16 Euro erhältlich.

Josef Kleindienst wurde 1972 in Spittal an der Drau geboren. Er lebt als freier Schriftsteller in Wien. Studium der Philosophie und Theaterwissenschaften in Wien und Amsterdam. Arbeitete als Deutschlektor im Jemen, als Chauffeur, Journalist und hin und wieder als Schauspieler. Zuletzt in Soldate Jeannette (Sundance Filmfestival 2013). 2010 wurde er zum Ingeborg Bachmann Preis eingeladen. Im selben Jahr erschien sein Roman An dem Tag, als ich meine Friseuse küsste, sind viele Vögel gestorben. 2011 erhielt er das Wiener Dramatikerstipendium, 2012 den Förderungspreis für Literatur des Landes Kärnten.

>MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR<

>MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR<, Foto: Cedrickaub

An den kommenden 3 Mittwochabenden geht die Lesereihe >MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR< weiter. Am 6.3. ist Autor und Schnur-Kenner Dieter Sperl zu Gast, am 13.03. die niederösterreichische Autorin Magda Woitzuck und am 20.03. Isabella Feimer mit ihrem neuen Roman “Der afghanische Koch”. Beginn jeweils 19 Uhr, Eintritt frei!

Alle Bilder von Lesung und Gespräch: Peter Kuffner, Essl Museum

Martin Schnur liebt Literatur – Notizen zum neuen Literaturprogramm

18/02/2013
>MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR<

>MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR<

Mit Josef Kleindienst, Dieter Sperl, Magda Woitzuck und Isabella Feimer werden vier der derzeit interessantesten heimischen Autorinnen und Autoren eingeladen, ihr neuestes Werk in der Martin Schnur-Personale im Essl Museum vorzustellen und im Anschluß daran mit dem Künstler zu plaudern.

>MARTIN SCHNUR LIEBT LITERATUR< findet an vier Mittwochabenden um jeweils 19 Uhr im Großen Saal des Essl Museums statt, der Eintritt ist frei!  Josef Kleindienst ist am 27.02. zu Gast, Dieter Sperl am 06.03., Magda Woitzuck am 13.03. und Isabella Feimer bildet am 20.03. den Abschluss dieser Reihe.

Vier neue Werke werden in der Martin Schnur-Personale vorgestellt: die Erzählung "Freifahrt" von Josef Kleindienst, die Textsammlung "Von hier aus: Diary Samples" von Dieter Sperl, der Erzählband "Ellis:Trilogie" von Magda Woitzuck und der Roman "Der afghanische Koch" von Isabella Feimer.

Vier neue Werke werden in der Martin Schnur-Personale vorgestellt: die Erzählung “Freifahrt” von Josef Kleindienst, die Textsammlung “Von hier aus: Diary Samples” von Dieter Sperl, der Erzählband “Ellis: Trilogie” von Magda Woitzuck und der Roman “Der afghanische Koch” von Isabella Feimer.

Ein paar Notizen zur Entstehung dieses Literaturprogramms…

Während der Vorbereitungen zur Ausstellung „Vorspiegelung“ wünschte sich der Künstler Martin Schnur ein Rahmenprogramm, in dem seine Arbeit mit anderen Kunstformen konfrontiert wird. Neben verschiedenen Erwägungen schlug er eine Lesung mit dem Autor Dieter Sperl vor. Sperl hat sich bereits mit Schnurs Arbeit und dessen Themen beschäftigt – im Vorjahr erschien etwa im Kyrene Verlag das Buch „Martin Schnur. Arbeiten auf Papier“, darin befindet sich die Kurzgeschichte „Diamanten & Schund“ in welcher der Autor auf die Spiegelungen in Martin Schnurs Malerei reagiert.

"Martin Schnur. Arbeiten auf Papier", erschienen 2012 bei Kyrene, enthält auch eine Kurzgeschichte von Dieter Sperl.

“Martin Schnur. Arbeiten auf Papier”, erschienen 2012 bei Kyrene, enthält auch eine Kurzgeschichte von Dieter Sperl.

Im Essl Museum wird seit dem Jahr 2011 eine regelmässige Zusammenarbeit mit interessanten und oft auch sehr jungen Autorinnen und Autoren gepflegt. So lag es nahe, Martin Schnurs Idee einer Lesung aufzugreifen und zu einer Literaturreihe zu erweitern, in welcher seine Malerei mit neuen Texten konfrontiert wird. Einerseits wird mit Dieter Sperl ein Kenner von Schnurs Arbeit auftreten,  andererseits werden mit Josef Kleindienst, Magda Woitzuck und Isabella Feimer völlig neue künstlerisch-literarische Räume eröffnet, chemische Reaktionen, die erst am Abend von Lesung und Gespräch vor Publikum erfolgen.

Warum aber nun der Titel „Martin Schnur liebt Literatur“?

Wer Martin Schnurs Atelier betritt, steht gleich im Eingangsbereich vor einer Bücherwand. Danach eröffnet sich ein Raum, in dem zwischen Malwagen und Tischen, an die Wand gestapelten Kupferplatten, groß-, klein-, und mittelformatigen Leinwänden immer wieder Bücherinseln zu finden sind; Dickes, Dünnes, Altes, Neues, Biografien, Belletristik, Bildbände, Kunsthistorisches und vieles mehr auf einem Couchtisch, da ein Stoß mit Katalogen, obenauf ein Buch über den Regisseur Apichatpong Weerasethakul, dort (auf einer Sessellehne) Dieter Sperls „Von hier aus“, Bücher am Boden, Bücher am Schreibtisch, Bücher am Sessel. Es sind Bücher und Bilder, die das Erscheinungsbild und die Aura von Martin Schnurs Atelier ausmachen. Man könnte dort stundenlang herumschauen und Zusammenhänge suchen (in wenigen Tagen wird es hier ein Interview mit Martin Schnur zu lesen geben, wo er genau darauf im Detail eingeht). Für Schnur ist das Sich Umgeben mit Literatur mehr als bloße Inspiration. Die Sprache an sich ist für ihn eine Bildebene, er stellt sich Wörter vor wie Bilder.

Ein Blick ins Atelier von Martin Schnur.

Ein Blick ins Atelier von Martin Schnur.

Das Essl Museum versucht konsequent Literatur und Kunst auf immer neue Weise zu verbinden. Es an der Person eines Künstlers und seiner Sichtweisen festzumachen, ist eine weitere Variation, sich vielfachen und komplexen Zusammenhängen zwischen Literatur und Kunst, eigentlich untrennbar verbunden, zu nähern.

Martin Schnur bei der Arbeit.

Martin Schnur bei der Arbeit.

„Ich bin neugierig, was passiert, wenn die Ausstellung zur Reflexionsebene für neue Literatur wird. Wir werden nach jeder Lesung darüber diskutieren, wie es dem Autor und auch mir dabei gegangen ist“, sagt Martin Schnur.

In Kürze folgen hier Blogbeiträge zu den Autorinnen und Autoren und Ihren Büchern sowie ein Interview mit Martin Schnur.

Im Atelier mit Martin Schnur

06/02/2013

Günther Oberhollenzer, Kurator der Ausstellung >MARTIN SCHNUR – Vorspiegelung<, hat den Künstler bei den Vorbereitungen zur Ausstellung in seinem Wiener Atelier besucht.

Es ist immer ein außergewöhnlicher Moment, den Menschen hinter den Kunstwerken kennen zu lernen. Wenn dieses Zusammentreffen im kreativen Raum des Ateliers stattfinden kann, ist das natürlich ein ganz besonderes Erlebnis.

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich Martin Schnur vor einigen Jahren das erste Mal in seinem Wiener Atelier besuchte. Damals unterstützte ich die NGO-Organisation „SOS Mitmensch“ darin, Künstlerinnen und Künstler für eine Wohltätigkeitskunstauktion zu gewinnen. So wandte ich mich auch an Martin Schnur. Wir kannten uns nicht persönlich, doch sein Werk schätzte ich sehr. Schnurs Herzlichkeit und Gastfreundschaft haben mich sogleich für ihn eingenommen – kam ich doch als Bittsteller und wusste, wie häufig Künstler mit der Anfrage belagert werden, ein Werk für einen wohltätigen Zweck zu spenden.

Atelier Martin Schnur

Atelier Martin Schnur

Er zeigte sich sehr großzügig, und ich hatte die Möglichkeit, mich ein wenig in seinem Atelier umzusehen: Großräumig, mit hohen Wänden, durch eine Fensterfront von Licht durchflutet – ein Arbeitsumfeld, wie es sich ein Künstler nur wünschen kann. Natürlich waren es aber vor allem die zahlreichen Malereien, gepaart mit den leidenschaftlichen Erläuterungen des Künstlers, die mir im Gedächtnis geblieben sind. So erzählte mir Schnur von seiner Motivsuche, wie er mit einer Fotokamera ausgerüstet, in verlassenen Gebäuden nach passenden Sujets Ausschau hält, Teiche und Waldstücke in der Umgebung von Wien erkundet oder Freunde und Bekannte auswählt, für ihn Modell zu stehen. Er ließ mich an seiner Begeisterung für Licht und Farbe, für Komposition und Form teilhaben und brachte mir seine ausgefeilte Maltechnik, seinen ganz besonderen Pinselduktus näher. Mit Begeisterung berichtete ich ihm, wie stark mich seine frühen Menschenbildnisse beeindruckten – auch weil die Dargestellten immer das Gesicht vom Betrachter abwenden und so entgegen dem althergebrachten Porträttypus, so meine Vermutung, eine Kommunikation mit dem Betrachter verweigern. Ach, meinte Schnur, diese Pose habe noch einen ganz anderen Grund: „Lange Zeit habe ich es einfach nicht gewagt, Gesichter zu malen…“. Diese Angst hat sich inzwischen wahrlich gelegt.

Atelier Martin Schnur

Atelier Martin Schnur

Im Laufe der Jahre folgten weitere Besuche, oft verbunden mit einem kurzen Blick ins Atelier und auf die wunderbaren Arbeiten der Künstlerin Karen Holländer. Sie ist die Frau von Martin Schnur und ihr Atelier befindet sich gleich neben jenem ihres Mannes. Rund um die Ausstellungsvorbereitungen war ich natürlich besonders häufig bei Schnur zu Gast. Jedes Mal gab es Neues zu sehen: große Malereien standen halbfertig auf der Staffelei, gerade fertig gewordene Kupferarbeiten hingen an den Wänden, in einem Eck stapelten sich kleine Zeichnungen oder Pastelle, die, fein gerahmt, nur darauf warteten, ausgestellt zu werden.

Die Werkauswahl

Viele neue Werke sind in der Ausstellung im Essl Museum  zu bewundern. Die Werkauswahl wurde zusammen mit dem Künstler festgelegt. Sie zu treffen war ein schwieriger, intensiver Prozess. Wir hatten das Privileg, aus dem Vollen zu schöpfen – was natürlich große Freude machte, gleichzeitig aber auch bedeutete, dass wir auf viele Arbeiten, die wir gerne gezeigt hätten, verzichten mussten. Andererseits ermöglicht gerade die Konzentration und Reduktion einen geschärften Blick auf das Werk.

Martin Schnur ins seinem Atelier

Martin Schnur ins seinem Atelier

Die Schau mit dem doppeldeutigen Titel „Vorspiegelung“ konzentriert sich bewusst auf das malerische Schaffen der letzten Jahre, in denen Schnur sein raffiniertes Spiel mit Spiegelungen, Reflexionen und miteinander verschränkten Realitätsebenen immer weiter vorangetrieben hat. Ein Fokus liegt auf den großen Ölbildern. Neben Leinwand verwendet Schnur für seine kleinformatigen Malereien häufig eine dünne Kupferplatte als Bildgrund. Diese in der zeitgenössischen Kunst selten verwendete Technik fasziniert ob ihrer Oberflächengestaltung und Haptik und ist auch deshalb besonders schön, weil das rötliche Metall immer wieder leicht durchschimmert.

Ein besonderes Anliegen war es mir, die kleinformatigen Pastelle zu zeigen. Sie können neben den großformatigen Arbeiten ohneweiters bestehen, zeigen doch gerade diese feinen Blätter, welch besonderes Gespür Schnur für Farbe und Form hat: Der Gegenstand löst sich immer mehr auf, die Natur wird zur reinen, fast abstrakten Farbkomposition.

Eine Neuheit sind die Objektarbeiten: Malerei und Skulptur, Fläche und Raum werden spielerisch zueinander in Beziehung gesetzt. Schnur greift damit auf seine Bildhauereiausbildung zurück und setzt gleichzeitig konsequent den Weg fort, mit den gemalten Bildern in den Raum zu gehen.

„Jeder Pinselstrich, jede Farbe ist eine Entscheidung“, so Martin Schnur, „die Arbeit verlangt eine ziemliche Disziplin, sie ist aber auch eine lustvolle Anstrengung.“[1] Jedem Waldstück, jeder Figur, jeder Spiegelung und Reflexion ist in Schnurs Malerei die Freude an der Malerei und das leidenschaftliche Erkunden ihrer Möglichkeiten anzusehen.

Alle Fotos: (c) Günther Oberhollenzer, 2012


[1] Martin Schnur in einem Fernsehinterview des ORF im Rahmen der Sendung „Herbstzeit“, September 2010.

Erschienen ist der vorliegende Text im Ausstellungskatalog >MARTIN SCHNUR – Vorspiegelungen<.  Der Katalog enthält weiters zahlreiche Abbildungen, ein Vorwort von Prof. Karlheinz Essl sowie Texte von Sonja Gruber und Hans Holländer, sowie einen zweiten Beitrag von Günther Oberhollenzer. Die Ausstellung ist noch bis 9. Juni 2013 im Essl Museum zu sehen.

Kunstfrühstücken zu >ALEX KATZ<

06/11/2012

Die Kunstvermittlerinnen Lucie Binder-Sabha und Adelheid Sonderegger berichten von einer der beliebtesten Veranstaltungen im Essl Museum, dem Kunstfrühstücken.

Zum Kunstfrühstücken gab es den berühmten New Yorker Shrimpscocktail.

Zum Kunstfrühstücken gab es den berühmten New Yorker Shrimpscocktail.

 

Inspiriert vom Filmklassiker Breakfast at Tiffany’s fand im Oktober das beliebte Kunstfrühstücken im Essl Museum, in der Alex Katz-Ausstellung statt. Wir, rund 20 Gäste und zwei Kunstvermittlerinnen, begaben uns auf eine Zeit-Reise. Diese führte uns ins New York der 60er Jahre, wo Alex Katz, beeinflusst von Kino, Mode und Musik seine Laufbahn als Maler begann und mittlerweile seit über 50 Jahren künstlerisch tätig ist.

Die Frühstückstafel wurde im New York Style gedeckt.

Die Frühstückstafel wurde im New York Style gedeckt.

Das Licht, der Schatten, Accessoires aus jener Zeit und das Cinemascope-Format der Frühstückstafel stimmten im Atelier auf das Thema ein und ließen unsere Gäste in diese besondere Atmosphäre eintauchen.

Kulinarisch begaben wir uns ebenfalls auf Spurensuche und servierten, den für damals typischen, jedoch heute ganz aus der Mode gekommenen Shrimpscocktail, der jedoch immer noch Klasse bewies. Brownies und Kaffee rundeten den kulinarischen Teil ab.

Die Projektleiterin der Ausstellung, Lisa Grünwald, war unser Special Guest. Sie ermöglichte uns Einblicke hinter die Kulissen, die uns den Künstler, sein Werk und seine Auseinandersetzung mit Malerei erfahrbar machten.

Lisa Grünwald arbeitete mehrere Monate lang mit Alex Katz und Prof. Essl an der Ausstellung.

Lisa Grünwald arbeitete mehrere Monate lang mit Alex Katz und Prof. Essl an der Ausstellung.

In der Ausstellung begaben sich die TeilnehmerInnen, ausgehend von Farbe, Figur, Portrait, Landschaft und Hintergrund  auf die Suche nach einem Bild. Ganz persönliche Ideen, Einfälle und Assoziationen bestimmten die Auswahl und waren Thema im gemeinsamen Kunstgespräch.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer genossen das Flair der Alex Katz Ausstellung.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer genossen das Flair der Alex Katz Ausstellung.

Den Abschluss des Vormittags bildete eine kurze, kreative Sequenz im Atelier. Die dekorative Flächigkeit und der Hell-Dunkel-Kkontrast, bestimmend für die Malerei von Katz, dienten als Ausgangspunkt: Musikalisch begleitet von Cool Jazz, entstanden leuchtend-farbige Formen, die auf dem schwarzen Hintergrund der ursprünglichen Tafel zu einem riesigen Gemeinschaftsbild arrangiert wurden.

Elegante Formen entstanden beim Kunstfrühstücken.

Elegante Formen entstanden beim Kunstfrühstücken.

Nach dem Besuch der Ausstellung wurde kreativ gearbeitet.

Nach dem Besuch der Ausstellung wurde kreativ gearbeitet.

Das nächste Kunstfrühstücken im Essl Museum findet am 19. und 20.11. mit dem Titel „Im Zuschauerraum“ zur Ausstellung >XENIA HAUSNER  ÜberLeben< statt.

Ach ja, und da war doch dieses sensationelle Brownie Rezept von Lucie Binder-Sabha...hier ist es...

Ach ja, und da war doch dieses sensationelle Brownie Rezept von Lucie Binder-Sabha…hier ist es…

Macht mit beim Crowdfunding – America My Way

25/10/2012

Matej Sitar, einer der jungen Künstler, der 2009 den Essl Art Award gewonnen hat, ist auf uns zugekommen und hat uns gebeten, euch sein neuestes Projekt vorzustellen, dass er mit Hilfe von Crowdfunding realisieren wird. Werdet zu Kunstförderern und bekommt dafür unterschiedlichstes Goodies!

Matej Sitar, der sich 2009 mit seinen außergewöhnlichen Fotografien den ersten Preis des Essl Art Award in Slowenien geholt hat, hat in seinem letzten Projekt eine zweimonatige Reise durch die USA – von Seattle bis San Diego und wieder hinauf bis in den Yukon – fotografiert.

Enstanden ist eine Fotoserie mit dem intimen Blick eines Reisenden. Matej’s Fotos wurden bereits auf mehreren Einzel- und Gruppenausstellungen in Slowenien und in anderen europäischen Ländern präsentiert und wurden mehrfach ausgezeichnet.

Nun entsteht ein Buch zum Projekt: “America, my Way”.

Matej Sitar: America, my way, 2012 (c) Matej Sitar

Matej Sitar: America, my way, 2012 (c) Matej Sitar

Alle 750 aufwendig gestalteten Exemplare sind von Hand nummeriert und signiert. Der Einleitungstext wurde von James R. Reeves verfasst.

Besonders sind nicht nur Matej’s Fotografien, sondern auch sein Konzept für sein neuestes Buch: “

Das Buch besteht aus drei kleinen Büchern, die in einer dekorativen Verpackung geliefert werden. Jedes Heft enthält 19 Fotos. Neun dieser Bilder werden immer wieder wiederholt, die restlichen 30 sind unterschiedlich. Der Grund dafür liegt darin, dass ich verschiedene Wege zeigen wollte auf die sich eine  Reise entwickeln kann.  Gleichzeitig bilden die Bücher aber auch eine Einheit – wenn man alle drei auf der selben Seite aufschlägt bilden sie ein Triptychon,” so Matej Sitar.

Matej Sitar: America, my way, 2012 (c) Matej Sitar

Matej Sitar: America, my way, 2012 (c) Matej Sitar

Matej hat noch 31 Tage Zeit sein Ziel von 6000 EUR zu erreichen.

Wenn ihr euch an Matej’s Projekt beteiligen und eine der schönen Editionen erwerben möchtet – und auf diese Art und Weise auch gleichzeitig zu Kunstförderern werden wollt – dann könnt ihr auf der Crowdfunding Plattform Verkami eure Auswahl treffen: Je nach Unterstützungsbeitrag kann man zwischen einem einzelnen 10 x 10 cm Foto bis zur Sammleredition verschiedenste Varianten auswählen.
Kunst also für jeden Geldbeutel: Ab 14 EUR seid ihr dabei!
Alle Details hier: http://www.verkami.com/projects/3390-america-my-way
Den weiteren Verlauf von Matejs Projekt könnt ihr auf seinem Blog verfolgen.

Essl Museum @ documenta 13: HEILUNG DURCH KUNST – KASSEL UND KABUL

21/08/2012

Heilung durch Kunst – Kassel und Kabul
Starke Momente, sinnliche Kunst, Diskussionen an spannenden Orten

Team des Essl Museums bei der documenta 13, Foto: Alexander Föllenz

Team des Essl Museums bei der documenta 13, Foto: Alexander Föllenz

Ein Team des Essl Museums war im Juli 2012 für ein Wochenende in Kassel – für einige Monate der Hauptschauplatz zeitgenössischer Kunst in Europa. Andreas Hoffer hat die Eindrücke des Teams in Worte gefasst.

Zwei Videoleinwände, im Winkel zueinander gestellt: Auf der einen ein Gang durch das Fridericianum in Kassel, eines der ersten öffentlichen Museumsbauten Europas, im zweiten Weltkrieg zerstört, ab 1955 Hauptschauplatz der documenta, ein glatt renovierter Bau, auf der anderen Leinwand ein Gang durch den riesigen, mehrfach zerstörten Darulaman Königspalast in Kabul, eine gigantische Ruine und trotzdem von spürbarer Erhabenheit. Marian Ghani spricht dazu einen poetischen Text über die Geschichte beider Häuser, über Macht, Kultur und Zerstörung, der viele Gedanken auslöst, eine Ruhe ausstrahlt, die dieses sich Gedanken machen erst ermöglicht.

Marian Ghani @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Marian Ghani @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Die Verbindung von Kassel und Kabul, die Carolyn Christov Bakargiev für die documenta 13 hergestellt hat, scheint mir eine wunderbar sinnfällige Idee. Kassel als ein Zentrum deutscher Rüstungsindustrie war im 2.Weltkrieg ein Ort schrecklicher Zerstörung. Durch die documenta wurde es aber auch zu einem Ort, der zu einem Symbol für die Kraft der zeitgenössischen Kunst wurde. Kabul ist ein Ort großer Kultur und Geschichte, der ähnlich wie Kassel, ein halbes Jahrhundert später, nach mehrfacher Zerstörung in Trümmern liegt. Aber anders als in Kassel wird Kabul wohl nicht so schnell wieder zu einer wie auch immer gearteten Normalität zurückgelangen können. Gerade da scheint es wichtig, dass die Kunst Zeichen setzt, so das Credo der Kuratorin und das bildet auch einen inhaltlichen Strang dieser documenta – die mögliche Heilung durch Kunst.

Dieses Thema taucht immer wieder auf: Zum Beispiel im Elisabethkrankenhaus, dem einzigen unzerstörten Bau im Zentrum Kassels. Hier werden sowohl Arbeiten von Studenten aus Kabul gezeigt als auch Projekte, die dort realisiert werden – kraftvolle Zeichen der Hoffnung.

Michael Rakowitz hat mit afghanischen Handwerkern Steinmetz – Techniken anhand von Workshops vermittelt, unter den Taliban war dieses Handwerk verpönt. Im Tal der zerstörten Buddha-Statuen haben sie Bücher aus Stein gemeißelt, Bücher der bedeutenden Bibliothek, die im Fridericianum großteils im Feuersturm 1943 verbrannte. Der Raum mit diesen Büchern im Fridericianum gehört zu den sowohl ästhetisch als auch inhaltlich starken und zugleich sinnlichen Arbeiten dieser Schau. Rakowitz schreibt handschriftliche kurze, lapidare Kommentare zu den Büchern, die eindrücklich auf Schuld und Verstrickung der Deutschen im Nationalsozialismus hinweisen – ein inhaltlicher Schwerpunkt dieser Schau.

Eine weitere Videoarbeit, die besonders beeindruckte, war Clemens von Wedemayers parallel in drei Zeitebenen und Videowalls erzählte Annäherung an die Geschichte des Klosters Bellheim bei Kassel, das nach der Säkularisation als Gefängnis, im Zweiten Weltkrieg als KZ und später als Erziehungsheim für Mädchen diente. In dieser Parallelität von drei Zeiten (1945, 1970er Jahre und 1990), Bildern und Klangebenen wird den Betrachtern in höchst ästhetischer Form die Verstrickung und Verbindung von Orten und Geschichte bewusst gemacht. Orte wie Bellheim, die aufgrund ihrer baulichen Schönheit auf den ersten Blick harmlos wirken und doch Orte des Schreckens sein können. Bis vor kurzem gab es dort nicht einmal eine Erinnerungstafel an die belastete Geschichte des Ortes. Die Arbeit ist auch formal und konzeptionell sehr beeindruckend. Die drei großen Leinwände bilden ein Dreieck, so ist es möglich, jede der drei Handlungs- und Zeitebenen einzeln zu sehen, aber auch an den Scheitelpunkten zwei der Filme gleichzeitig verfolgen und dabei die präzise Durchkomponierung der Handlung und Tonebenen erleben, bei der sich immer wieder einzelne Momente überlagern.

Wie sehr Orte Normalität und Banalität verkörpern und doch die Geschichte, die Energie und die Erinnerung in sich tragen, wie sehr die Welt aus parallelen Welten und Erfahrungen besteht, macht auf poetisch sinnliche und doch auch sehr politische Weise die Audio-/Videoerkundung des alten Kasseler Bahnhofs von Janet Cardiff und George Bures Miller bewusst. Man leiht sich ein iPhone mit Kopfhörern aus und begibt sich mit ihm auf einen Rundgang durch das Gelände des Kasseler Bahnhofs. Es ist beeindruckend, wie sehr sich die Realität des Augenblicks mit der Klang und Bildrealität vermischt. Plötzlich taucht eine kleine Blaskapelle auf und man dreht sich real um, weil man glaubt, sie wäre in diesem Moment dort. Besonders eindrücklich dann der Moment, wo man auf Gleis 13 steht, ein ganz normaler, alltäglicher Bahnsteig, und erfährt, dass von hier aus die Kasseler Juden abtransportiert wurden. Diese Arbeit ist ein Ballanceakt von großer Poesie, Schrecknis und dem Ineinanderfließen von Lebensrealität des Besuchers und der Kunst, eines der wichtigen Themen dieser documenta. Die Arbeit war auch wegen ihrer perfekten Klangqualität so stark. Die beiden Künstler begegnen uns mit einer weiteren Arbeit in einer Lichtung in der Karlsaue. Dort stehen einige Baumstümpfe, auf denen man Platz nehmen kann, und aus dreißig Lautsprechern wird die Lichtung beschallt und zu einem Ort der Kontemplation und Emotion. Auch hier verfließen Kunst und Realität, starke Momente sinnlichen Erlebens.

Noch ein höchst verstörendes Video wurde in der Karlsaue gezeigt, noch einmal war die Verbindung Deutschland und Afghanistan das Thema. Der in Berlin lebende israelische Künstler Omer Fast zeigt immer die gleiche Szene in Varianten und in einem endlosen Loop. Ein deutsches Ehepaar holt zu Weihnachten ihren aus dem Krieg heimkehrenden Sohn ab. Sie essen unterm Tannenbaum, unterhalten sich, gehen schlafen. So das immer gleiche Setting. Aber jedes Mal ist es ein anderer Junge, der anders reagiert, der Krieg bricht immer wieder in die scheinbar normale Familiensituation ein. Es kommt auch zu verstörenden sexuell aufgeladenen Szenen zwischen dem Vater, der Mutter und den jeweiligen Sohn. Wir haben am Abend lang über den eindrücklichen Film diskutiert. Ich sah es als eine Versuchsanordnung zur Parallelwelt von Kriegsteilnehmern und Zuhausegebliebenen, zur Unvereinbarkeit von divergierenden Erlebnisrealitäten, Günther Oberhollenzer aber war der Intention von Fast näher: Eltern, die ihren Sohn im Krieg verloren haben, engagieren Callboys, die den Sohn spielen, um ihren Verlust zu verkraften. Auf jeden Fall sehr spannend, wirklich starke Videokunst!

Das ist alles bisher höchst aufgeladene, aber auch sehr sinnliche Kunst. Sehr viel Sensibilität hat die Kuratorin Carolyn Christov Bakargiev auf die Auswahl der Orte gelegt. Zum einen werden sehr viele nicht museale Orte zu Orten der Kunst und die Besucher so auch zu Stadterkunder. Zum anderen ist Carolyn Christov Bakargiev oft eine wunderbare Übereinstimmung von Ort und Kunst gelungen. Dafür nun zwei Beispiele:

Nedko Solakov @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Nedko Solakov @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Der bulgarische Künstler Nedko Solakov hat die besondere Gabe; mit ein paar wenigen Strichen und wenigen, wie hingeworfen wirkenden Worten in großer Poesie Welt und Leben philosophisch zu erkunden. Hier hat er eine mehrere Räume umfassende künstlerische Realisation seines Kindheitstraums umgesetzt. Er wollte einmal Ritter sein. Multimedial und mit wunderbarer Ironie nähert er sich den Möglichkeiten, Ritter zu sein, an, lässt sich als Ritter malen oder spielt bei Ritterspielen mit, besucht einen Malteser Ritter und spielt in einer Band als Ritter mit. Im abschließenden Raum dann ein letzter Satz, dass es vielleicht besser gewesen wäre, wenn dieser Kinderwunsch ein Traum geblieben wäre, „maybe“. Diese Arbeit hat Solakov im Museum der Brüder Grimm (die in Kassel gelebt und gearbeitet haben) instaliert– eine wunderbare Kombination.

Yan Lei @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Yan Lei @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Der chinesische Künstler Yan Lei, der auch in der Sammlung Essl vertreten ist, hat in einem Raum der documenta-Halle eine großformatige, sinnlich überbordende Installation von Gemälden verwirklicht. Als Vorlage für die 360 figurative Bilder – jeden Tag entstand ein Werk (das chinesische Jahr hat 360 Tage) – dienen Fundstücke aus dem Internet und anderen Bildquellen. Nun hängen sie an den Wänden und von der Decke herab, andere werden auch in einem Gemäldeschrank aufbewahrt. Täglich werden Bilder der Ausstellung entnommen und in einer nahegelegenen industriellen Produktionsanlage mit Autolack übersprüht. Dann kehren sie in den Raum zurück und verwandeln ihn langsam in eine Ausstellung monochromer Bildern. Eine Reflexion darüber, wie man dem unüberschaubaren Bilderfluss unserer Zeit mit den Mitteln der Malerei begegnen kann.

Cevded Erek schafft eine ganz andere Symbiose mit dem Ausstellungsraum. Vom dritten Stock des Kaufhauses C&A führt ein Gang in eine leerstehende Halle, ähnlich wie auf der anderen Seite der Verkaufsraum. Nur scheint auf den ersten Blick wirkt dieser Raum völlig leer, nur ein aus vielen Lautsprechern tönende, tiefe, an Herztöne erinnernde Rhythmus erfüllt den Raum. Im Durchwandern des Raumes bemerkt man nach und nach die vielen kleinen Eingriffe des Künstlers, mit größter Präzision und Sorgfalt gesetzte architektonische Zeichen und kleine Verweise auf die Parallelwelt auf der anderen Seite des Ganges. Ein ruhiger, ästhetisch konzentrierter Raum. Die Eingriffe erinnern in ihrer spröden Einfachheit und Klarheit an die Objekte von Thea Djordjadce in einem Glashaus in der Karlsaue, eine georgische Künstlerin, auch sie ist in der Sammlung Essl vertreten.

Geoffrey Farmer @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Geoffrey Farmer @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Ähnlich konzentrierte Räume mit höchst ästhetischen und sinnlichen Arbeiten finden sich viele auf dieser documenta. Beispielsweise Tacita Deans auf riesigen schwarzen Tafeln gesetzte, über zwei  Stockwerke eines ehemaligen Finanzamtes reichende Kreidezeichnungen von geologischen Formationen, insbesondere von Bergmassiven in Afghanistan. Oder der langgestreckte Arkadenraum, in der übrigens vorbildlich neu adaptierten Neuen Galerie, den Geoffrey Farmer bespielt. Er hat über die gesamte Länge des Raumes eine schiffsähnliche Installation geschaffen aus hunderten hinter und nebeneinander gesteckten Stäben, auf denen alte Aufnahmen aus dem Life Magazin fahnengleich einen Fluss der Geschichte bilden. Ein wunderschöner, gleichsam aber auch melancholischer Abgesang auf die Erinnerung und die Frage danach, was bleibt.

Ein besonderer Ort ist das vom amerikanischen Künstler Theaster Gates besetzte ehemalige Hugenottenhaus in der Friedrichstraße. Mit Abrissmaterialien eines Hauses in Chicago werden kollektiv  im Abrisshaus in Kassel alternative Formen von Kunst und Leben produziert.

Gleich daneben in einem ehemaligen Saal des 50er Jahre Hotel „Hessenland“ findet sich eine der beeindruckendsten Arbeiten dieser documenta, ähnlich bewegend wie die Arbeiten von Janet Cardiff und George Bures Miller. Tino Sehgal, britischer Performancekünstler aus Berlin, führt uns blind in ein Kunsterlebnis. Der Raum, den man betritt, ist komplett dunkel. Als wir eintreten, hören wir nur eine Stimme Englisch sprechen, und wir gehen, am Ausgang stehend, bald wieder. Die Soundinstallation im Dunkeln interessiert uns nicht. Im Hugenottenhaus spricht mich ein Aufseher an, ich solle zurückgehen, die Arbeit würde sich erst nach zehn Minuten erschließen. Wir sind ihm noch jetzt dankbar für diesen Hinweis. Also wieder zurück in den dunklen Raum. Nun gehe ich weiter hinein und diesmal sind gesangsähnliche Geräusche zu hören, nach und nach gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit und man erkennt, dass der Raum voller Performer ist, die tanzen, sich durch den Raum bewegen und singen, rhythmische Geräusche produzieren und manchmal auch die Besucher mit einbeziehen. Großartig, diese langsame Verschmelzung von Realität und Kunst, einer Kunst die wirklich sinnlich ist und Lust macht auf mehr.

Giuseppe Pennone @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Giuseppe Pennone @ documenta 13, Foto: Günther Oberhollenzer

Lust macht auch die Karlsaue, ein riesiger Park, der sich von der Orangerie hinunter zur Fuldaau zieht. Das barocke Parterre glänzt mit einem bepflanzten Müllberg von Song Dong und einem bronzenen Baum Guiseppe Pennones. Dann folgt der romantische englische Landschaftsgarten, in den Carolyn Christov Bakargiev über 30 Holzpavillons gestellt hat, mit künstlerischen Arbeiten, die man sich ergehen muss, die nicht aneinandergereiht im Museum abgeschritten werden können, sondern so verstreut stehen, das man gezwungen wird, zu entschleunigen. Der Park spielt dabei immer eine bedeutende Rolle, Natur Kunst und Lebensrealität scheinen vereint.

Es gäbe noch viel zu berichten, auch, dass natürlich nicht alles aufgeht, manche Positionen nicht gehalten haben, was die Kuratorin versprach, auch eine Reduzierung wohl getan hätte. Aber insgesamt war es eine höchst inspirierende documenta, vielleicht auch, weil soviel Sinnlichkeit und inhaltliche Prägnanz schon lange nicht mehr gesehen werden konnte.

Andreas Hoffer & Team

Die documenta 13 in Kassel dauert noch bis 16. September 2012.

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